Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Die jüdische Geschichte des deutschen Judentums
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 337 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ignaz Maybaum: Die jüdische Geschichte des deutschen Judentums erst dadurch deutsches Judentum geworden. Hier sich nicht zu Mendelssohn bekennen, heißt einer wirklichkeitsfremden Romantik oder Utopie verfallen. Sein Beispiel, treues Judentum in der neuen Geschichtszeit zu verwirklichen, bleibt für uns bestehen, auch wenn unsere Welt nicht die Welt des vorkantischen Rationalismus ist, sondern die inzwischen anders gewordene Welt des 20. Jahrhunderts. Mendelssohn hatte seine jüdische Welt, und zu ihr trat die neu erworbene Welt des Geistes seiner Zeit hinzu. Diese Doppeltheit des Standortes ist das Neue. Gewiß war auch das Ghetto geistig nicht so von der Umwelt abgeschlossen, wie man vielleicht glauben könnte. Aber bei Mendelssohn wird die Doppeltheit der Beziehung bewußtes und bejahtes Programm. Judentum und Geist des Jahrhunderts ist die doppelte Aufgabe für die eigene Haltung und für das Erziehungsprogramm, das er für seine Familie und für seine jüdische Generation aufstellte. Dieses Programm ist noch heute gültig. Gewiß ist unsere Lage eine andere als die Mendelssohns. Aber das Gemeinsame ist dies: wir bejahen nach wie vor die Doppeltheit unseres Standortes. Wir wollen treue Juden sein, und als treue Juden glauben wir, unserer Zeit, der europäischen Welt, gegenüberstehen zu können und zu sollen. Wir haben genau wie Mendelssohn die Überzeugung, daß die Anteilnahme an dem europäischen Geisteswesen uns das Judentum nicht zu rauben braucht, sondern daß diese Anteilnahme unsere Existenz in dem Heute stärken kann und daher auch eine Festigung des Judentums selbst indirekt zur Folge hat. Hat Mendelssohn einer Generation, die nur das Judentum hatte und die sich von der Umwelt fernhielt, zugerufen: „Gehet als Juden in diese Umwelt und lernt sie kennenso haben wir in der heutigen Zeit, die uns von unserer Umwelt ausschaltet, und in einer Situation, in der der hohe Prozentsatz an intellektuellen Berufen mißliebig ist, die Forderung aufzustellen: „Werdet nicht primitiv! Rettet euren Kindern so viel wie möglich von der hohen Bildungsstufe, die das deutsche Judentum erreicht hat. Nehmt die Kinder nicht zu früh von der Schule weg! Die letzten Ersparnisse dürfen daran gesetzt werden, daß doch ein Teil der Jugend mit der Bildungshöhe in die Welt tritt, die bis jetzt für das deutsche Judentum charakteristisch war." Das Streben des deutschen Judentums, die Verbindung mit dem europäischen Geist festzuhalten, ist jüdisch legitimiert. Denn rabbinisches Judentum ist nicht einfach der Gegensatz zum hellenistischen. Rabbinisches Judentum hat mit dem griechischen Geist, dem das hellenistische Judentum erlag, gerungen. Es hat dem griechischen Geist nicht bloß widerstanden, sondern es hat ihm geantwortet. Das deutsche Judentum steht vor der Gefahr des hellenistischen Judentums und hat die Chance, in demselben Glaubenskampf, den das rabbinische Judentum in seiner schöpferischen Entstehungszeit bestanden hat, gleichfalls zu bestehen. 337