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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 325

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Ernst Cassirer zum 60. Geburtstag
Date
1934-09-01
Page
325 (sequence 3)
Language
German
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Cassirer zeit seines Lebens niemals ausgewichen. Schon 1906 grenzte er seinen „kritischen Idealismus" von der „Philosophie des gesunden Menschenverstandes", von Nelson und der Neufriesischen Schule ab. 1920 kämpfte er darum, in einer eindringlichen Schrift „Zur Einsteinschen Relativitätstheorie" die Versöhnbarkeit der neuen Relativitätslehre mit den fundamentalsten Prinzipien seines eigenen „neukantischen" Denkens darzutun. Aber auch mit einer Fülle anderer Bewegungen der Zeit liebte er, die offene Auseinandersetzung aufzunehmen, bis hin zu seinen Davoser Gesprächen mit Heidegger und seiner entschlossenen Kritik der Heideggerschen Kantdeutung. So darf von Cassirer wie von kaum einem anderen Denker unserer Tage gerühmt werden, daß er seine eigenen systematischen Ueberzeugungen ständig an allen wesentlichen Mächten der abendländischen Philosophie überprüfte und daß er mit jeder ihrer großen Tendenzen lange und innerlich gerungen hat. Daher aber zeigt nun auch sein eigenes Weltbild eine heute wohl einzigartige Reife und Ausgeglichenheit der denkerischen Entscheidung. 1910 gab sein ausgedehntes Werk „Substanzbegriff und Funktionsbegriff" wohl die durchdachteste philosophische Grundlegung für den damaligen Stand der Mathematik, der mathematischen Physik und der Chemie. Die ältere naive Lehre, für die die wissenschaftliche Erkenntnis eine bloße Abbildung eines absoluten gegebenen Seins darstellt, wird hier ganz zurückgedrängt. Und der logische Begriff bleibt so überhaupt nicht mehr gewissermaßen der „substantielle" Träger von bestimmten festliegenden Merkmalen, eine unveränderliche Einheit von inhaltlich festfixierten Eigenschaften der Dinge, sondern im Gegensatz hierzu, im Kontrast zu solchen Auffassungen der formalen Logik (wie sie in der ganzen Tradition der älteren Metaphysik und auch im Positivismus herrschend blieben) wird hier der spezifische Funktionscharakter des Begriffs, die Bedeutung des Begriffs als eines gestaltenden Beziehungs- und Ordnungszeichens wohl eindrucksvoller und klarer als sonst irgendwo erhärtet. Und in seinem letzten dreibändigen systematischen Hauptwerk, in der „Philosophie der symbolischen Formen" hat dann Cassirer abermals auch systematisch die Arbeit der Marburger Schule prinzipiell tief orir ginal aus- und umgestaltet. Von Cohen war das mythische Denken noch schToff aus aller Philosophie ausgewiesen worden. Cassirer aber hat hier die gestaltende Kraft seiner Philosophie des Funktions- und Symbolbegriffs an einer Überfülle von Motiven in den verschiedenartigsten neuen Geistesbezirken zur Bewährung gebracht: nicht nur auf dem Boden des Aufbaus unserer Sprachwelt (1923 im ersten Band des Werks), sondern auch im „mythischen Denken" (1925) und schließlich 1929 in einer umfassenden „Phänomenologie der Erkenntnis". Überall wird hier mit einer bewundernswerten Klarheit und Durchsichtigkeit der Linienführung aus wenigen einheitlichen Grundüberzeugungen Einblick geschaffen in die kompliziertesten (nur meist übersehenen Formmomente, aus denen sich überhaupt erst sinnvolles Ge- 325

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