Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Ernst Cassirer zum 60. Geburtstag
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 324 (sequence 2)
- Language
- German
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lagen" für die damalige Wisseaschaftslage nutzbar zu machen. Und bereits 1906—07 greift er dann mit seinem nächsten zweibändigen Werk — in aller Treue zur Marburger Methode — mächtig über die engeren Aufgaben hinaus, die sich die Schule bis dabin gestellt hatte. Mit der umfassenden und eindringlichen Analyse, der hier „das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit" unterworfen wird, sind für die Geschichtsschreibung dieser weiten Epoche wirklich neue Wege erschlossen worden. Wohl nirgends wurde vorher und seitdem den großen Problemen der neueren Erkenntnistheorie, den beherrschenden Fragen nach den Grenzen und nach dem Ursprung, nach der Methode und nach der Zuverlässigkeit des menschlichen Wissens mit einer solchen Umsicht bei solcher Fülle von kleineren und größeren Gestalten nachgespürt wie in diesem monumentalen Werk. Und so wurde hier von Nicolaus Cusanus und vom italienischen Humanismus an bis zu Kant ein überwältigend reiches Material an begrifflicher Arbeit aus buntester, verschiedenartiger religionsphilosophischer und metaphysischer Einkleidung für die historische und systematische Betrachtung freigelegt. Die Schöpfer der mathematischen Naturwissenschaft und die großen rationalistischen und empiristischen Erkenntniskritiker spielen dabei wohl eine überragende Rolle. Aber selbst so tief irrationalistische Stimmen wie die des Paracelsus oder des Mystikers Pascal fehlen nicht in dem Chor. Wer in Cassirer nur einen geruhsam abwägenden Rationalisten vermuten sollte, der lasse sich von der lebendigen Einfühlungskraft, mit der hier die verzweifelte 'Vernunftfeindlichkeit der Pascalschen „Pensees" nachgelebt wird, eines Besseren belehren. In dieser kurzen Analyse der Religionsphilosophie Pascals verrät sich ein Geist, der bei allem Willen zur lichtesten Klarheit doch auch die Kraft der Versenkung in die dunkelsten seelischen, religiösen Verstrikkungen und Leiden des menschlichen Denkens nicht entbehrt. Eine Sonderstellung nehmen die halb literarhistorischen Studien über die Weltanschauung der klassischen deutschen Dichtung und Philosophie um das Jahr 1800 ein: „Freiheit und Form" (1916), „Heinrich von Kleist und die Kantische Philosophie" (1919), „Idee und Gestalt" (1921), Abhandlungen über Goethe, Schiller, Hölderlin und Kleist, die auch einen weiteren Leserkreis fanden, obwohl, wie mir scheint, gerade in ihnen nicht immer die eigentliche Stärke Cassirers sichtbar wird, während dies wieder 1918 in „Kants Leben und Lehre" viel greifbarer der Fall ist. In den letzten Jahren aber treten dem noch weitere andersgeartete philosophiehistorische Schriften zur Seite: „Individuum und Kosmos in der Philosophie der Renaissance" (1927), „Die platonische Renaissance in England und die Schule von Cambridge" und „Philosophie der Aufklärung", beide aus dem Jahre 1932. Während früher bewußt die erkenntniskritischen und methodologischen Fragen in den Vordergrund rückten, zeigen nun diese späteren Arbeiten das neuere philosophische Denken in Querschnitten auch in breitesten geistesgeschichtlichen Verwebungen seiner Zeit. Aber auch gegnerischen Anschauungen der Gegenwart ist 324