Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Ernst Cassirer zum 60. Geburtstag
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 326 (sequence 4)
- Language
- German
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stalten und Verstehen des Mythos und der Sprache und selbst des „natürlichen Weltbilds" konstituieren kann. Ueberblickt man heute diese intensiv und extensiv einzig bedeutungsvolle Leistung, die Ernst Cassirer aufzuweisen hat, und zählt man hierzu die reichste pädagogische Wirksamkeit, die er früher an den Universitäten Berlin und Hamburg, jetzt in Oxford ausübt, so wird es verständlich, wenn nicht nur die Philosophie Deutschlands, sondern auch Hollands, Englands, Frankreichs und Spaniens in ihren besten Vertretern dem sechzigjährigen Denker ihren besonderen Dank abstatten will und dies jetzt in einer sehr würdigen Festschrift vollzieht. Aber auch das deutsche Judentum hat tiefen Grund zur Dankbarkeit für diesen Denker, der als ein Gelehrter von unbestrittener Weltgeltung auch stets ein aufrechter Jude war und dies in seinem persönlichen wie in seinem literarischen Wirken mit Nachdruck dokumentiert hat. Die ungesuchte, aber bezwingend starke Vornehmheit seines Wesens, die tiefe Konstanz seiner geistigen Haltung, die doch nie zur Starrheit oder Heftigkeit führte, und die Lauterkeit seiner Gesinnung, die auch von seinen schärfsten geistigen Gegnern nie angezweifelt werden konnte, kennzeichnen ihn seit je als einen der edelsten und verehrungswürdigsten Repräsentanten jener besten Geistigkeit des deutschen Judentums, in der sich Treue zum Judentum und echte Hingabe an die deutsche Geisteswelt mit dem ehrlichsten Streben nach Weltbürgerlichkeit einen konnten. David Baumgardt Ein Gruß für Karl Wolfskehl zum 65. Geburtstage Lieber Karl Wolfskehl! Nein — Sie entsinnen sich nicht mehr der unzähligen jungen Studenten und Studentinnien, die kurz vor der Sintflut des Weltkrieges noch durch Ihre nun schon „historischen" drei Zimmer in München zogen, wo Bücher und Bilder aus jeder Ecke schauten und wo die kluge Hausfrau nimmer müde ward, gastlich Tee einzuschenken. Aber wir entsinnen uns Ihrer und werden Sie nie vergessen: die wuchtige Gestalt und das kräftige Haupt, das Sie ab und zu mit stolzer, jäher Gebärde zurückwarfen, bis die schwarzen Haare von der hohen Stirn zurückflogen. Wie Raketen gings von Ihnen aus: waren die Frauen damals alle so schön? waren die Männer alle so klug? Wir wußtens nicht; aber das fühlten wir, daß wir Jungen von Ihnen Unschätzbares lernen konnten — nimmer müden Menschenhunger hier, und nimmer müden Wissenseifer dort. Bald vertieften Sie sich mit rastlosem Spürsinn in ein mangelhaft überliefertes althochdeutsches Gedicht — davon zeugten ja schon damals Ihre „Ältesten deutschen Dichtungen", mit dem Professor v. d. Leven zusammen herausgegeben, bald aber gaben Sie sich ganz dem Dienste des Dichters hin, der einer kleinen Schar von Menschen damals mehr als nur Dichter, der ihnen Führer zu neuem Menschentum war: Stefan George. Nie vergesse ich, wie wir ihn einmal in Ihrem Hause erbücken durften ... Aber in strengem Dienste er- 326