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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 323

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Ernst Cassirer zum 60. Geburtstag
Date
1934-09-01
Page
323 (sequence 1)
Language
German
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Ernst Cassirer zum 60. Geburtstag Unsere philosophische Gegenwart ist nicht arm an eigenwilligen Temperamenten. Mit der Erregtheit der Kriegs- und Nachkriegsjahre ist eine ältere, weithin verbreitete Beschaulichkeit des Philosophierens besonders in Deutschland gründlich zerstoben. Leidenschaftliche Neigung und Empfänglichkeit für das extreme weltanschauliche Bekenntnis haben sich seitdem ausgebreitet, und erst damit hat sich die Zersplitterung des philosophischen Denkens bis ins Sektiererhafte verschärft. In solchen Zeiten wiegt die Kraft zu souveränem Ausgleich der zerrissenen Meinungen doppelt schwer. Aber die leuchtendste und die kraftvollste Gestalt unter den wenigen deutschen Denkern, die heute diesem hohen Ziel der Bändigung des philosophischen Zwistes nachgehen, ist ohne Zweifel der nun sechzig jährige Ernst Cassirer. In seinem ungemein reichen literarischen Wirken steht Ernst Cassirer jenseits fast aller Spaltungen, die sonst die philosophische Arbeit der Gegenwart durchziehn. Er ist zugleich Historiker der Philosophie und systematischer Denker. Er ist der Philosophie der Einzelwissenschaften zugewandt und zugleich der metaphysischen Problematik. Er arbeitet in engster Vertrautheit mit der beschreibenden wie der mathematischen Naturwissenschaft. Und schließlich — was heute zum schwersten Schaden der Philosophie immer seltener zu finden ist — er umspannt mit eigentlich gleicher Kraft die Welt der Naturwie die der Geisteswissenschaften, d. h. jene beiden Hemisphären der menschlichen Forschung, die heute einander sonst bedrohlich fremd wurden, und ohne deren Zusammenfügung doch niemals wieder ein echter geistiger Kosmos formbar werden wird. Cassirer hat sich immer als Schüler Hermann Cohens, als Mitarbeiter der „Marburger Schule" bekannt, die um das Jahr 1900 wohl die scharfsinnigsten jüngeren Köpfe der Zeit unter der Führung Cohens und Natorps geeint hielt. An Cohen fesselte ihn .gedanklich vor allem der Wille zur Klarheit der Methode, die Energie, mit der hier in streng begrifflicher Prägnanz nach überzeitlichen, nach exakt allgemeingültigen Grundgesetzen der Wissenschaft und der Kultur überhaupt gesucht wird. Während etwa Dilthey damals die Schöpfungen der großen Denker der Philosophiegeschichte vor allem aus ihrer einmaligen seelischen Eigenart und aus der Zeitsituation interpretieren wollte, würdigte Cohen mit seinen Mitarbeitern wesentlich nur die „goldene Kette" der großen Idealisten von Plato über Descartes und Leibniz zu Kant; denn nur in ihnen wurden die Entdecker allgemein verbindlicher Wahrheiten gesehen, die nun allein für den Neuaufbau einer klar begrifflich fundierten philosophischen Theorie der Erfahrungswissenschaften ausgewertet werden sollten. In diesen Zusammenhängen aber hat schon der junge Cassirer mit seinem ersten Werk bahnbrechende Arbeit geleistet. Denn es war wohl kein Zufall, daß er schon 1902 wagte, gerade das System des genialsten Polyhistors der Neuzeit, das System Leibniz' vom Standort der „Marburger" aus „in seinen wissenschaftlichen Grund- 323

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