Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Zwiesprache mit Martin Buber
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 314 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Simon Wer aber heute, in dieser unserer Weltstunde, von jener Wirklichkeit und Gegenwart zu zeugen unternimmt, wie Buber das tut, darf sich nicht mit ihrer „Beschreibung" begnügen, sondern muß uns auch ihre „Begrenzung" zeigen. Ist es doch gerade charakteristisch für „das neue Denken", um mit Franz Rosenzweig und Herrigel zu sprechen, daß es immer wieder von jenem Alltag ausgeht, der die Wirklichkeit meist nicht in ihrer echten Form, sondern im Verfall zeigt, im „defizienten Modus", wie Heidegger es nennt. Von ihm handelt der zweite Teil des Buches. Der defizienten Modi jener echten dialogischen Haltung, die der erste Teil beschrieben hatte, sind zwei: der zweckbestimmt technische und der in Wahrheit aus zwei Selbstgesprächen zusammengesetzte Scheindialog. Hier ist die Höllen liefe des falschen Eros: „Die bei sich bleibende Liebe ist es, die Luzifer heißt." Die echte „Hinwendung" gelingt aber nur dem, der, fern aller romantisch-dekadenten „universalen Rückhaltlosigkeit", zunächst einmal bei sich ist, aber sie mißlingt dem, der sich selbst in der Begegnung mehr fühlt als den andern: der elfjährige Knabe, der auf dem Gute der Großeltern auf Du und Du mit dem Schimmel stand und täglich sein Kopfneigen als Antwort für den Streichelgruß empfing, spürte einmal die eigene Hand am Fell des Genossen, und das Tier merkte den Abfall und hob den Kopf nicht mehr. Ja, selbst in der „wortlosen Tiefe", im Binnensturz der Seele unter all ihre Individuationen hinunter, hinein in den dunklen Grund, den die Mystiker mit Gott gleichsetzen, — selbst hier sieht der strenge Kritiker Buber nichts als die sublimste Verseelung des monologischen Verhaltens: diese Tiefe ist unterhalb der Schöpfungssituation, nicht über ihr. Das wahre Denken aber ist nur scheinbar unabhängiger als die Kunst von der Gegenwart des ansprechbaren Du und verläuft nur vermeintlich in der Selbstbegegnung, in der inneren Zwiesprache: in Wahrheit geht auch es von der Begegnung mit einer fremden Denkkraft aus, und das scheinbare Selbstgespräch, in dem seine Wahrheit auf die Probe gestellt wird, vollzieht sich nicht mit dem empirischen Selbst, sondern mit dem intendierten, dem nur aufgegebenen Genius. In diesen Darlegungen rückt Buber am nächsten an die moderne Existenzialphilosophie heran: „Die wahre Dialektik ist kein Monolog des einsamen Denkers mit sich selbst, sie ist ein Dialog zwischen Ich und Du", dieser Satz Feuerbachs — den H. Ehrenberg, Rosenzweig und Karl Löwith mit Recht nicht nur als Verfasser, sondern auch als Vorläufer der „Philosophie der Zukunft" ansprechen —, dient Buber als Grenzposition, die er innehat, über die er aber auch schon hinaustastet: das Du muß mehr werden als das denkende Du, es muß zum seienden Du werden, und erst durch diese Verwandlung wird aus der Dialektik wahrhafter Dialog. Hiermit ist eine dritte Antwort auf unsere Eingangsfrage angedeutet: der in seine Welt geborene Mensch, dem der in die seine geborene Nebenmensch begegnet, und der nun — über Heidegger hinaus I — im lebendigen Ringen mit dem anderen die beiden, jeweils mitgebrachten Welten, zur einen, zur gemeinsamen, zur geschaffenen Welt zu machen sucht, dem ist der echte 314