Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Zwiesprache mit Martin Buber
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 313 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zwiesprache mit Martin Buber das Wort Gottes so nimmt wie Luther und Calvin oder gar Samuel und Eliah, sondern in der wir alle der künftigen Theophanie harren, von der wir nur eines wissen: ihren Ort, die Gemeinschaft- Mit diesen Ausführungen gibt Buber die erste Antwort auf unsere oben gestellten Fragen: wir atmen fort in der Atmosphäre der Offenbarung, aber nur selten dringt ihr gestaltetes Wort an unser Ohr. Wir sind alle in der Freiheit oder — „In den Exilen". So aber wollte Florens Christian Rang, den wir als den Partner jenes Gespräches erraten dürfen, die Zeilschrift nennen, die dann „Die Kreatur" hieß. Dem Kommentar folgt nun doch — es ist das Buch eines Denkers — die begriffliche Scheidung. Auf drei Arten läßt sich ein anderer Mensch (nicht: ein Objekt der Wissenschaft) von uns wahrnehmen: auf seine besonderlichen „Züge" hin beobachten, in seiner Gesamthaltung, bei der gerade „das Interessante nicht wichtig ist", künstlerisch betrachten, und. entscheidend anders, seiner innewerden, indem ich mit jenem Menschen wirklich zu tun bekomme, er mich anspricht — nicht notwendig mit Worten —, so daß ich ihm Antwort sagen muß. Aber so schutzlos der Berührung preisgegeben kann nicht jeder leben, und auch wer es kann, kann es nicht immer. Wissenschaft und Lebenstechnik sind des Menschen Schutzmaßnahmen gegen die „Zeichen" der Begegnung. Hier gibt Buber, in der Andeutung einer Klammer, eine zweite Antwort auf unsere obigen Fragen. Die Wissenschaft, besser: die Wissenschaften, haben, wie bei Kant, ihr volles und gutes Recht in jenem Bezirk, den Bubers „Ich und Du" die Es-Welt genannt hat: in dem der Gegenständlichkeit, nicht aber in dem der Gegenwart. Die Zeichen der echten Begegnung aber stehen in keinem Wörterbuch, und kein Augur oder Zauberer vermöchte sie nachzuschlagen: sie brechen immer neu aus der Einmaligkeit der Schöpfung und sind nur dem Glauben deutbar. Damit, mit dieser immer neuen, immer überraschenden, unvorhersagbaren und unformulierbaren Zeichenhaftigkeit aller — ja: aller! — unserer Begebnisse ist der große Schritt vollzogen, den Buber, nun wieder vom eigenen Leben erzählend, „Bekehrung" nennt. Es ist die Bekehrung vom „Religiösen" als dem Ausnahmezustand, als der Ekstase, zum Alltag. Jeder Tag ist der Tag des Herrn, und aus den vielen Stimmen der Tage tönt schließlich, wechselnd immer und doch eine, die Stimme des Einen, Aber die Stimme von oben tönt nur dem, der auch unten mit den Menschen zu sprechen weiß. Wie der Prophet gerade zur tauben Verstocktheit Israels gesandt ward, so ist Gottes Wort gerade, und nur, im Exil der gelebten Sprachen, in den verwirrten und ihn verfehlend erreichenden Stimmen der Geschöpfe. Ihnen gilt es Verantwortung entgegenzutragen, nicht als ein apriorisches Sollen im luftleeren Raum, sondern als Antwort ihrem Worte, als Standhalten ihrer und jeder Gegenwart; nicht in der Rede des moralischen Prinzips und des theologischen Dogmas, nicht auch im stolzen Schweigen des einsamen Philosophen, sondern im Stammeln des Mitmenschen. 313