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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 309

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Die Sendung des Heils
Date
1934-09-01
Page
309 (sequence 6)
Language
German
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Die Sendung des Heils Lea aber wußte wohl, wie weit es war. Noch zwei Tage hatte sie Zeit. Da sagte sie eines Abends: „Du fragst mich nicht, und dennoch muß ich reden." „*/ch bin nicht Lea, ich bin — erschrick nicht — Lilith, Samaels Gefährtin. Aber um deinetwillen, Amram, wurde der Schein zur Wahrheit, zu einer befristeten Wahrheit. Als damals die gefangenen Frauen in deinem Hause auf dem Dachboden eingeschlossen wurden, war ich unter ihnen. Samael gebot mir, zusammen mit diesen Frauen dein Haus zu betreten, um dich zu verderben, denn Samael hatte dich als den Frömmsten für seine bösen Ziele ausersehen. Er gelobte, nicht eher zu ruhen, als bis er aus dem Frommen einen Ruchlosen gemacht habe. Samael mußte mit List zu Werke gehen. Im offenen Kampf wäre er nicht Sieger geblieben, wie es sich damals an der Leiter zeigte, da du ihn banntest. Daher sandte er mich, seine Dienerin, um dich zu versuchen. Ich war es, die vom Dachboden auf dich herabblickte in jener Nacht. Mein Antlitz hat furchtbare Macht über •die Männer. Als du hinausstürztest, die Leiter zu holen, und zu mir hinaufzusteigen begannst, glaubte ich mein Spiel schon gewonnen. Aber du warst stärker als ich und Samaels List, du bezwangst den bösen Trieb. So kehrte ich unverrichteter Sache heim zu Samael. „Herr", sagte ich, „dieser da ist stärker als wir. Laß ihn in Frieden." Samael aber ruhte nicht, und ein zweitesmal gebot er mir, dich zu verderben. Und ich kam an dein Bett, berührte dich, legte mich zu dir, und du nahmst mich auf. Aber es kam ein Nebel und drang zwischen uns: Gott rettete dich mit eigener Hand, indem er das Geschehene ungeschehen machte und zu einem Traumgesicht werden ließ. „Samael, lasse ab von diesem Mann", beschwor ich meinen Gebieter, „wir können ihm nichts anhaben." „Es ist gut", sagte Samael, „wir wollen von ihm ablassen." Und es vergingen einige Monate. Da rief mich Samael zum dritten Male zu sich. „Ich will nicht von diesem Manne da lassen. Wir wollen ihn nochmals versuchen." Er hatte sich einen bösen Plan ausgedacht, und ich sollte ihn ausführen. In Gestalt einer schönen armen Magd sandte er mich zu deiner Mutter, die mich in Dienst nahm. Mir war geboten, mit Vorsicht zu Werke zu gehen. Ich ließ mir Zeit, war still und demütig, verrichtete meine Arbeit mit Umsicht, hütete mich wohl, auch nur den kleinsten Anlaß zu einem Argwohn zu geben und glaubte, dich Ahnungslosen derart um so sicherer in Samaels Hände zu spielen. Als du mich aber damals am Flußufer fandest, an jenem Morgen, und stehen bliebst, mir zuzusehen, indes ich wusch, wußte ich, daß ich Samaels Gebot nie würde ausführen können. Ich fühlte, wie aus den tiefsten Schächten meiner Seele ein warmes Gefühl empor- 309

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