Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Die Sendung des Heils
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 310 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Manfred Sturmann: Die Sendung des Heils stieg; ich, Lilith, fühlte wieder und erwachte aus meiner Versteinerung; denn ich war ja einst, du weißt es, ein menschliches Weib. Und wie ein menschliches Weib liebte ich dich, und diese Liebe ließ mich vergessen, wozu ich in dein Haus gekommen war. Und als du mich in jener Stunde auf die Stirn küßtest, war ich Lilith nicht mehr, die Verführerin; ich war wirklich die Magd Lea, ein liebendes junges Weib. Also blieb ich hinfort bei dir und war dein Weib mit allem, was mein war. Für zwei Jahre blieb ich Samaels Macht entrückt; so lange hatte er mir die Gestalt der Magd Lea gegeben, und so lange konnte er mir nichts anhaben. Als aber die zwei Jahre um waren, mußte ich zu Samael gehen, um zwei weitere Jahre zu erflehen. „Es ist ein harter Kampf um diesen Mann", sagte ich listig zu ihm, „wir müssen Geduld haben. Ich brauche weitere zwei Jahre, um ihn zu verderben." Er gab mir den Aufschub, und ich kehrte zu dir zurück. Jedesmal nach zwei Jahren mußte ich zu Samael, eine neue Frist zu erbitten. Er ward ungeduldig und fragte: „Wann bringst du mir endlich diesen Menschen?" Und jedesmal vertröstete ich ihn auf das nächste Mal. Ich weinte und bettelte um den Aufschub. Meine Liebe zu dir, Amram, war so stark, daß sie mir Gewalt gab, den Unseligen zu überreden. Als ich aber das zehnte Mal zu ihm kam, rief er mir zornerfüllt entgegen: „Du betrügst mich, Lilith, du wirst diesen Menschen nie bezwingen, denn er hat dich bezwungen." Vergeblich waren meine Bitten und Beschwörungen um eine einzige, eine letzte Frist. Samael blieb unerbittlich. Da rief ich in meiner Bedrängnis nach dir, mein Amram, und die Liebe in ihrer letzten Angst machte den Ruf so stark, daß er zu dir drang. So kamst du selber in Samaels Reich. Du hast mit Gewalt den letzten Aufschub erwirkt. Jetzt aber muß ich zurückkehren, die Frist ist verstrichen. Bliebe ich aber und böte dem Unhold Trotz — es wäre auch um dich und die Kinder geschehen." Sie umarmte den weinenden Rabbi, herzte ihre Kinder und nahm Abschied. Dem Leibe der einstigen Magd entfuhr Lilith. Zu Rabbi Arnrams Füßen aber lag, entseelt und in unendlichem Frieden lächelnd, sein Weib Lea. /yabbi Amram und seine Kinder zerrissen ihre Kleider und beweinten die tote Gattin und Mutter. Als man sie zu Grabe trug, folgte die ganze Stadt dem Sarge. Alles weinte und trauerte um Lea. Rabbi Amram und seine Kinder sprachen um sie das Sterbegebet, nach der Vorschrift, ein volles Jahr. Die Nachkommen Rabbi Amrams waren zahlreich, — ein edles Geschlecht überdauerte mit ihnen die Jahrhunderte, ein Geschlecht von Weisen und hochgesinnten Frauen. 310