Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Die Sendung des Heils
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 308 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Manfred Starmann „Sie ist mein", sagte Samael nochmals und zückte das Schwert, Lea mit der Schwertspitze zu berühren. Da stürzte der Rabbi auf Samael und legte Hand an ihn. Und sie rangen miteinander, und indes sie rangen, keuchte der Rabbi zu Gott: „Herr, gib mir Kraft, den Unhold zu bezwingen, — nicht Dein Wille ist, was hier geschieht, sondern der seine." Die Kräfte des Rabbi wuchsen ins Ungemessene, er hielt Samael in seinen Armen wie in einem eisernen Schraubstock, preßte seinen Brustkorb zusammen, daß er dumpf aufbrüllte, und zwang ihn endlich in die Knie. Sein Gifthauch konnte dem Frommen nichts anhaben, und der Rabbi wurde nicht entzündet von den Flammen, die aus dem Leibe des Unholdes schlugen. Er entwand Samael das Schwert und warf es weit in das Dunkel, das diese Stätte umgab. Und die furchtbare Erscheinung, macht- und wesenlos geworden nach Verlust des Schwertes, löste sich auf — wie damals, da der Rabbi den Galletropfen zurückgeschleudert hatte. Rabbi Amram nahm die zitternde Lea auf seine Arme und trug sie hinweg von der Stätte Samaels. Sie glitten dahin durch die Schatten der Nacht, selig umarmt und geborgen. jEs war kein Traum, und dennoch schien alles unwirklich und unbegreiflich. Nun war der Rabbi nicht mehr stark genug, länger zu schweigen, und er fragte Lea: „Was ist es? Sage es mir endlich und gib meinem Leben den Frieden." „Frage mich nicht" antwortete ihm Lea. „Ich werde reden, nur zu bald: wenn die zwei Jahre, die uns jetzt noch gehören, um sind." Da schwieg der Rabbi abermals um Leas willen, aber er ahnte das dunkle Geschick. Er bangte um jeden Tag, der sich neigte. Er glaubte jede Stunde, die ihm mit Lea vergönnt war, festhalten zu müssen wie einen kostbaren Schatz. Von nun ab verschloß er sein Haus den Schülern und Gästen. Er zog sich vollends zurück und verrichtete nur noch die notwendigsten Amtsgeschäfte, die ihm oblagen. Er scherte sich nicht darum, was die Menschen dazu sagten. Er dachte nicht an seine Schüler, — mochten sie anderswo lernen und sich fortbilden. Nur noch für Lea lebte er und für seine Kinder. Der Rabbi spürte nicht, wie die bemessene Frist abnahm. Er zitterte nicht mehr um die verrinnenden Tage; er war ihrer froh und genoß sie wie ein sorgloses Kind, das ein morgen nicht kennt. Sie standen am Rande der letzten zwei Jahre. Der Rabbi merkte es nicht. Sein Gedächtnis war wie ausgelöscht, er mochte wohl glauben, daß mit jedem Tag die Frist erst begänne und daß sie derart nie verstreichen könne. 308