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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 305

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Die Sendung des Heils
Date
1934-09-01
Page
305 (sequence 2)
Language
German
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Die Sendung des Heils Der Rabbi ließ die Zeit hingehen, und wieder drang er in Lea und fragte sie, wo sie damals gewesen. Da aber breitete sich über ihr Antlitz ein solcher Schatten von Angst und Trauer, daß den Rabbi die Frage reute. „Frage mich nicht danach", bat Lea, „um der Gnade unseres Glückes halber beschwöre ich dich: frage nie wieder danach, es sei denn, du willst alles zerstören". Also fragte er hinfort nicht mehr, und das Geheimnis blieb wie ein Berg zwischen Amram, dem Rabbi, und seinem Weibe Lea. * jEs geschah, daß nach Verlauf von zwei Jahren, auf den Tag genau, Lea wieder das Haus verließ und drei Tage fortblieb. Wieder trauerte der Rabbi um sie, wieder suchte man die ganze Stadt nach ihr ab, und wieder kehrte sie, um die gleiche Stunde, kraftlos und in herabgekommenem Zustand, in das Haus des Rabbi zurück. Rabbi Amram wollte ihr zürnen und war in Versuchung, sie nicht mehr einzulassen und zu verstoßen. Aber seine Liebe war zu groß, und in ihr schmolz die Wallung seines Zornes; denn er sah doch, daß sie sich auch diesmal nicht freiwillig entfernt, sondern einer geheimnisvollen Gewalt nachgegeben hatte. Wie nach einem ehernen, überirdischen Gesetz verschwand Lea, sobald zwei volle Jahre nach ihrer letzten Wanderung verstrichen waren. Sie blieb drei Tage aus und kehrte heim, hilf- und kraftlos wie stets. Rabbi Amram fragte nicht mehr nach dem Grund ihrer geheimnisvollen Wanderung, er nahm sie hin als ein Schicksal, das ihm auferlegt war, und haderte nicht darob. Aber es blieb der Schatten über seinem Glück und wich nicht, obgleich es ihm sonst an nichts fehlte. Lea gebar noch zwei Töchter, Ruth und Esther, und die Kinder wuchsen auf unter den liebenden Händen der Eltern, deren Schönheit und Tugend sie in sich vereinigt zu haben schienen. Rüben saß bereits am Lerntisch des Vaters. Er war jetzt vierzehn Jahre alt und aufgeweckten Geistes. In vollen Zügen sog er Wissen und Weisheit ein, alles, was der große Vater ihm reichlich bot. Er versprach sein würdiger Nachfolger zu werden. Indessen gingen die Jahre hin. Es war das zehnte Mal, daß Lea ihre Wanderung angetreten hatte, und voller Sehnsucht harrte Rabbi Amram des dritten Tages und ihrer Rückkehr. Der Rabbi hatte sich an diese drei Tage, die sich zweijährlich wiederholten, gewöhnt. Die frühere Unruhe hatte mit den Zeiten ruhigere Formen angenommen, und doch war es ihm stets während der Abwesenheit Leas, als sei sein Leben in zwei Stücke geborsten. Der Abend des dritten Tages kam, die übliche Stunde der Heimkehr verstrich, Lea aber war nicht zurückgekehrt. Mit fiebernder Angst wartete der Rabbi. Ruhelos durchwanderte er das Haus. 305

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