Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Die Sendung des Heils
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 306 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895533-2904239--07427-2904343- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Herta Kanner / /. ErflÖrUtlg (Nach dem 34.Psalm) y^ehet im Winde nicht tröstend der Duft Deiner Myrthen Weit über Hügel verdämmernde Wege entlang?. Fittiche trugen zum Tal der quälend Verirrten Herr, Deinen Seraph im Sternengesang. j/^rühtau der Felder erweckt Dein beglückender Morgen Nebel umzogen zu farbendurchglühtem Kristall. Wenn wir getröstet in himmlischer Milde geborgen, Laß unsre Tränen, geweint im unendlichen All, ,/lufglühn in Liedern zu Deinen urewigen Zelten! Herr, unser Hirte, Du hörst Deiner Heiligen Flehn. Sieh uns Gesegnete, da wir im Wunder der Welten Über den Sternen Dein Antlitz gesehn. Es war bereits Nacht geworden. Er horchte auf den Atem der schlafenden Kinder, auf den Wind, der das Dach umheulte; immer wieder öffnete er das Tor des Hauses, um nach Lea auszuspähen. Sie kam nicht. Er setzte sich schließlich an den Tisch, nahm ein Buch zur Hand und versuchte darin zu lesen. Doch sein Blick irrte von den Buchstaben ab, er konnte seine Gedanken nicht sammeln: „Wenn sie morgen nicht kommt, werde ich das Sterbegebet um sie sprechen müssen"--. Der Rabbi mochte in seinem Sessel eingeschlummert sein. Plötzlich war es ihm, als hätte eine Hand seine Schulter berührt. Aus Fernen drang eine Stimme an sein Ohr: „Rabbi Amram, folge mir!" Der Rabbi preßte die Faust gegen die Brust, das Herz schien dem Anprall des Schreckens nicht gewachsen. Und nochmals rief es: „Rabbi Amram, folge mir!" Da erhob sich der Rabbi. Mit geschlossenen Augen ging er, wie im Halbschlaf; er hörte das Tor seines Hauses hinter sich zufallen, stieg in ein Gefährt, das bereitstand. Es raste durch die Nacht, mitten durch kochende, heulende Stürme, es pfiff um seine Ohren, der Atem wurde ihm schwer, die Luft stemmte sich wider seine keuchende Brust. Er spürte, wie sich das Gefährt vom Erdboden erhob, wie es in der Luft schwebte, als würde es von einem 306