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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 297

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Der Dreitage-Jude
Date
1934-09-01
Page
297 (sequence 3)
Language
German
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Der Dreitage-Jude macht man dann nicht reinen Tisch? Warum geht man trotzdem noch drei Mal im Jahr in die Synagoge? Weil der Vater es auch getan hat. Und weil der Vater tot ist. Man vertritt ihn quasi. Man würde vielleicht nicht gehen, wenn er lebte, aber nachdem er tot ist. . . Außerdem, es ist vielleicht ein Atavismus, aber etwas Religion muß man haben. Das ganze Jahr hindurch nicht, aber an diesen drei Tagen, überhaupt wenn man den Zylinder aufhat. Man hat ja nie an der Existenz Gottes gezweifelt, aber man fühlt doch gelegentlich unsicher, daß er eine Macht, eine Großmacht sein könnte, zu der man nur lockere und nicht die besten Beziehungen hat Und die Gemeindesteuer ist auch wieder fällig. Nein, man wird nicht austreten. Schließlich ist man Jude, und wird es bleiben, solange irgendwo auf Erden noch Juden verfolgt werden. Aber was heißt: Jude bleiben? Wenn der Dreitagejude bei seiner Gewissensprüfung am Versöhnungstag — und was soll man denn im Tempel, während gebetet wird, sonst tun, da man nicht beten kann? — soweit gekommen ist, dann kommt er im schönen Gleitflug der Gedanken auf ein anderes Thema, erinnert sich an Karlsbad oder entdeckt, daß er vergessen hat, die Karten für die Oper zu besorgen. . . Hat es nicht so oder so ähnlich im Kopfe des Dreitagejuden ausgesehen? Wir wollen ihn beileibe nicht verspotten, er ist zu bedauern, denn er war, ist und bleibt der seelische Luftmensch, der halb und halbe Mensch, für den es kein Entweder —« Oder gibt, sondern der dies nicht tut und jenes nicht läßt, der übersieht, daß seelisch eine gute Buchführung ohne Saldo nicht aufgeht. Und da wir nun schon offen mit ihm reden, — und nur durch Offenheit, wenn überhaupt, ist ihm zu helfen —, wollen wir ihm auch gleich sagen, wie er den ersten großen Hieb pariert hat, der ihn traf. Als jener 1. April kam und von jüdischer Seite die Parole ausgegeben wurde, man solle den gelben Fleck mit Stolz tragen, was tat da der Dreitagejude? Wir meinen den, der wirtschaftlich und persönlich nicht sehr tangiert war, — was tat er? Warf er sich seinem Gott zu Füßen, stürmte er in die Synagogen, schlug er an seine Brust, zermarterte er sein Hirn, begann er ein neues Leben? Keine Spur! Er trug den gelben Fleck mit Stolz, und damit basta. Er war zuerst wie vor den Kopf geschlagen und beschloß, irgendetwas, wenn nicht selbst, so doch mit seinen Kindern zu tun. Und dann setzte er den Zylinder auf und ging die obligaten drei Male in die Synagoge. Mit einem sehr ernsten Gesicht und mit einem ebenfalls schwarz eingebundenen Buch, das er aufschlug, aber nur so platonisch. Und dann kam die obligate Gewissensprüfung. Deren Inhalt aber hatte sich verändert. Nicht die eigenen Sünden nämlich standen mehr zur Diskussion, sondern was man ihm angetan hatte. Und nicht die eigene Haltung für die Zukunft überdachte er, sondern er rätselte herum, wie man sich ihm gegen- 297

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