Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Der Dreitage-Jude
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 296 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch selbst Enkel hat, schwer fällt zu sagen, ob er eine Glatze hatte oder nicht; denn das Käppchen war wie angewachsen. Er weiß noch (und ist wahrscheinlich im Grunde seines Herzens sehr stolz darauf): der Großvater ging jeden Morgen und jeden Abend beten, gehörte dem Vorstand mehrerer Wohltätigkeitsvereine an, und der Sederabend bei ihm war ein Genuß- Genug, der Vater stammte aus einem frommen Haus. Nur er selbst, der Vater, war nicht so fromm. Er ging zum Beispiel „nicht immerfort beten". Er ging sogar meistens nicht beten. Dafür verkehrte er mit den Honoratioren, die nicht Juden waren. Er konnte auch das Geschäft am Sabbath nicht schließen; schließlich, wo hätte das hinführen sollen? Aber er selbst ging nicht hin. (Man brachte ihm die Post nach Haus.) Und die Mutter führte noch einen ganz koscheren Haushalt. Trotzdem lernten die Kinder zu Haus nicht viel Jüdischkeit. Eben nur, was sie gerade sahen. Aber sie gingen jede Woche zwei Mal in die Religionsstunde. (Oder sie schwänzten.) Der Dreitagejude erinnert sich jedenfalls heute noch der Nase des Religionslehrers ganz genau. Auch der Geschichte von Jaakob und Esau. (Aber nicht mehr so genau.) Nicht, daß der Dreitagejude seine Abkunft einfach abgeschworen hätte. Er brennt sogar noch (eventuell) Jahrzeitiämpchen. Aber mehr aus Pietät. Er hat sich sogar einmal (früher, versteht sich) mit dem Judentum „auseinandergesetzt". Er hat sich keineswegs gegen die Einsicht gesträubt, daß Moses ein Genie war. Nein, kein Wort gegen Moses. Aber seine Bedeutung ist mehr historisch. Seine Gesetze sind fabelhaft, aber inzwischen etwas veraltet. Oder ist es nicht eine Farco, „bei unserem Stand der Trichinenschau" noch Schweinefleisch abzulehnen? (Und wie gut schmeckt Schinken!) Nun hätte ja der Dreitagejude eine Möglichkeit gehabt, auch auf der Basis fromm zu sein, die er anerkannte; er hätte eine Art frommer Reformjude werden können, von der Sorte, die ihre Söhne nicht Bar Mizwa werden, sondern einsegnen lassen, das aber mit Orgel, Kaffee und Kuchen. Aber, es ist merkwürdig, dagegen sträubt sich etwas in ihm. Was? Er vermeidet die Synagoge am Sabbath nicht, um am Sonntag eine andere zu besuchen. Aus Bequemlichkeit? Aus Überzeugung? Aus Unwissenheit? Ja, gewiß, und aus religiöser Bedürfnislosigkeit. Man ist „schließlich ein moderner Mensch" und hat andere Lebensinteressen als der Ghettoahne des Mittelalters. Man liest nicht mehr den Schulchan Aruch, sondern Spengler. Die innere Erbauung wird außerdem durch Theaterabonnement, Film und Zeitung geliefert. Und vom Rundfunk. Man hat also kein Bedürfnis mehr nach einer Religion, zu der schon der Vater kaum noch ein Verhältnis hatte. Aber warum 296