Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Der Dreitage-Jude
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 298 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895533-2904237--07416-2904335- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ludwig Strauss über verhalten würde. Und somit war der Tellsprung in die Bequemlichkeit wieder einmal gelungen. Es gibt auch andere. Es gibt auch Menschen, die früher aus Bequemlichkeit, Verlogenheit, Unwissenheit Dreitagejuden waren, dann aufgerüttelt, wirklich bis auf den Grund aufgerüttelt wurden und doch keinen Ausweg fanden und finden. Sie können nicht in die Religion zurück, die ihre Väter aufgegeben haben. Und sie können auch nicht ohne diese Religion leben. Es ist ihnen unvorstellbar, daß sie diesen schweren, seltsamen, Zeremonien- und beziehungsreichen täglichen Dienst nun als ausgewachsene Menschen auf sich nehmen könnten, und ihr religiöses Bedürfnis ist dennoch tief und drückend. Sie bleiben Dreitagejuden und sind zerbrochen, zerrissen. Auch ihnen ist nicht zu helfen. Aber es sind nicht die Schlechtesten, und es mag wohl sein, daß ihnen in diesen Tagen, da im himmlischen Gericht angeklagt, beraten und besiegelt wird, ihre Glaubensnot zu ihren guten Werken auf die rechte Waagschale gelegt wird. Ludwig Strauss / Sätze Haben wir mehr zu leiden als die Menschen anderer Zeiten, so mögen wir darin den Wink erkennen, daß von den vielen Boten, die Gott in die Welt sendet, uns eben die Leiden vor allem seine Botschaften zutragen. Wollen wir diese Botschaften rein empfangen und rein erwidern, so gilt es, zwei zeitläufige Versuchungen zu bestehen. Die erste lockt, das Leiden zu bejahen, ohne ihm abhelfen zu wollen; das hieße sein eigentümliches Wesen verfälschen und eine irre Lust aus ihm machen. Die zweite lockt, es fortzuschaffen, ohne es nur genau angehört zu haben; das hieße seine Sendung verleugnen und eine dumpfe Tatsache aus ihm machen. Leiden will aber geheilt sein, und geheilt wird es einzig aus dem Grunde und der Fülle des ihm einwohnenden Sinnes. Nicht das allein ist zeitgemäß, was die ausdrücklich von der Zeit gestellten Aufgaben löst, den in ihr herrschenden Gewalten dient (oder ihnen geradezu entgegenwirkt, also doch auch an ihnen orientiert ist). Es gehört notwendig zu jeder Zeit das ihrem vorherrschenden Charakter Ungemäße, ein Bereich, drinnen heilige 298