Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Die christliche Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 293 (sequence 11)
- Language
- German
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Die christliche Wissenschaft vom Judentum jenige, was die Juden selber in den langen Jahrhunderten ihrer nachbiblischen Geschichte zu ihrer Auslegung und Erläuterung beigetragen oder, gesetzmäßig lebend, zur Darstellung gebracht hatten, wegen seiner apriorischen Verständnis los igkeit gegenüber dem wahren „Verstand" des Gesetzes zu verwerten. Anderseits ist aber das mosaische Gesetz, wenn auch nicht das schlechthin beste, doch noch ein so gutes, daß Michaelis es auch noch für die moderne Gesetzgebung zu empfehlen wagt. So wird es von ihm den Juden, denen es gehört, völlig über den Kopf weggenommen und lediglich als Beitrag zur allgemeinen Höherbildung der menschlichen Gesellschaft „vernunftgemäß" verwendet. Verständnislosigkeit gegenüber dem wahren „Verstand" des Gesetzes zu verwerten. Anderseits ist aber das Mosaische Gesetz, wenn auch nicht das schlechthin beste, doch noch ein so gutes, daß Michaelis es auch noch für die moderne Gesetzgebung zu empfehlen wagt. So wird es von ihm den Juden, denen es gehört, völlig über den Kopf weggenommen und lediglich als Beitrag zur allgemeinen Höherbildung der menschlichen Gesellschaft „vernunftgemäß" verwendet. Es wäre aber vollkommen ungerecht, durch diese kritisierende Darstellung der aufklärerischen Geisteshaltung und ihrer Schranken den Anteil der Aufklärung an der Emanzipation der Juden zu verdunkeln; im Gegenteil trug nichts so sehr wie die oben geschilderte Vorherrschaft der Vernunft zu ihrer Begründung bei. Die Juden hatten ihren Beitrag an die Menschheit in ihrer Lyrik (Herder), in ihrem Recht (Michaelis), in ihrer Gottesidee (Lessing) abgeliefert, sie waren darum nicht mehr wert, um der Verdienste ihrer Väter willen gelobt, noch weniger aber schuld, um der Abnahme ihrer produktiven Kräfte willen getadelt zu werden — sie waren, insofern sie Menschenantlitz trugen und vernunftbegabt waren, berechtigt, in die allgemeine Menschengesellschaft aufgenommen zu werden. In dem Maße, in dem sich diese allgemeine Gesellschaft entchristlichte, erwartete sie freilich von den Juden Entjudung, und die Religion der Vernunft schwebte allen als ideales Ziel vor Augen. Die Emanzipation als Realisierung einer rationalistischen Idee ist aber ihrerseits ein Ereignis, das wissenschaftsgeschichtlich einen ganz neuen Standpunkt der Betrachtung schafft. Sie bewirkt speziell auf unserem Gebiete nicht nur ein Abwenden von der theologischdogmatischen, sondern schließlich in einer Art Selbstaufhebung auch von der unhistorisch-übergeistigen Betrachtungsweise und setzt die pragmatisch-historisierende an ihre Stelle. Dieser Prozeß der Verweltlichung wird durch die Bibelkritik und die daraus sich entwickelnde alttestamentliche Wissenschaft intensiviert. Nicht nur, daß ein historisches Verständnis für die religiöse Entwicklung des alten Judentums vom Mosaismus zum 4 293