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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 292

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Die christliche Wissenschaft vom Judentum
Date
1934-09-01
Page
292 (sequence 10)
Language
German
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Rudolf Hallo heit des Alten Testamentes zu überwinden. Es ist kein Zeichen von Starke, wenn heute den meisten Menschen wo sie von Vergleichung hören, ängstlich zu Mute wird. In Wahrheit bietet allein die Vergleichung und die Einsicht in das Vielen Gemeinsame die Möglichkeit, das Besondere als Besonderes zu erfassen. Den kleinsten Raum in diesem ganzen Zeitalter beansprucht jener Teil der Bibelwissenschaft, der für die Folgezeit alle anderen überwuchern sollte: die Bibelkritik. Ihre Einführung in die christliche Wissenschaft durch Spinozas (anonymen) Theologisch- Politischen Traktat von 1670 liegt in derselben Epoche wie Buxtorfs Verteidigung der unversehrten Tradition der heiligen Schriften in der „Tiberias" von 1620, gleichsam das eine als Vorwort, das andere als Schlußwort. Um aber die Bibelkritik zur Entfaltung zu bringen, bedurfte es erst eines Nachlassens des positiven Christenglaubens, wie denn überhaupt die negative Bibelkritik nur als Teilerscheinung in jenem größeren Prozeß der Überordnung des Wissens über den Glauben beurteilt werden sollte und nicht als ein isolierter Willkürakt der Gelehrsamkeit. Und dann dürfen wir vielleicht sagen, die negative Bibelkritik ist nicht nur für die Juden, sondern auch für die Christen der schmerzlichste Teil dieser notwendigen Operation. Den Durchgangspunkt, auf dem im Kampf zwischen Glauben und Wissen die Einschätzung des Glaubens am niedrigsten und die Einschätzung des Wissens am höchsten stand, nennen wir Aufklärung. Die Epoche der Aufklärung ist wissenschaftsgeschichtlich durch zwei Eigenheiten charakterisiert. Einmal durch die radikale Verwissenschaftlichung aller behandelten Aufgaben, anderseits durch die.Bevorrechtung des Geistes, die ihm gestattet, alle Schätze der Welt auf sich zu beziehen und ihren Vorbesitzern gegebenenfalls zu enteignen. Das letzte ist ein so allgemeiner Zug, daß es genügt, darauf hinzuweisen, wie den klassischen Völkern ihre höchste Leistung, die Kunst, sozusagen abgeschöpft wird, um als Maß und Besitz dem eignen Kunstwollen und Kunstzweck einverleibt zu werden. Die Griechen z. B. werden entmenschte, übermenschliche Idealgestalten, die in dem Plane der Welt eine ganz bestimmte Aufgabe auszuführen hatten, in deren Nutzung der Aufklärer eintritt; den Rest trifft Schweigen, — das Verschweigen des Klassizismus, der die Aufklärung ergänzt. Um diese Doppelhaltung auf unserem speziellen Gebiet zu demonstrieren, greifen wir zu I. D. Michaelis' „Mosaischem Recht" (1777). Dieses systematische, gediegene Werk zeigt, als befänden wir uns in einer längst überholten Periode, die Tendenz, die Gesetze der fünf Bücher Moses aus sich selbst heraus und mit nachprüfendem Verstände zu begreifen, keinesfalls aber das- 292

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