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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 294

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Die christliche Wissenschaft vom Judentum
Date
1934-09-01
Page
294 (sequence 12)
Language
German
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Rudolf Hallo: Die christliche Wissenschaft vom Judentum Prophetismus und von da zur „Gesetzesreligion" erwacht, sieht der geschärfte historische Blick bald in der scheinbar einheitlichen Schicht des mosaischen Schrifttums selbst Stufen und Abstände. Die vielgescholtene, auf Ludwigs XIV. jüdischen Leibarzt Astrue zurückzuführende Quellenscheidung ist lediglich das Mittel, die Historisierung als Gegensatz zur theologischen Lehre von der gradlinig fortschreitenden Offenbarungsentfaltung an dem einheitlichen Grundbuch des alten Judentums selber zur anschaulichen Darstellung zu bringen. Um aber die Etappen der jüdischen Religionsgeschichte, wie sie sich nunmehr den christlichen Gelehrten — sei es richtig oder falsch — darstellen, zeichnen zu können, machte sich die Forderung der Anlage von Querschnitten auf den verschiedenen Stufen der Entwicklung unabweislich. Diesen Zwecken dient die nun einsetzende Wissenschaft der alttestamentlichen Archäologie, deren präziseste Form in De Wettes Buch mit dem bezeichnender Weise abgestuften Titel: „Hebräisch-Jüdische (d. h. vor- bzw. nachexilische) Archäologie" vom Jahre 1814 vorliegt. Für diese neue, untheologische Betrachtungsweise, die das Judentum nach der Seite des Altertums entgötterte und in Verbindung damit nach der Seite der Gegenwart entdogmatisierte, werden die Juden zu einem durchlaufenden Geschichtsträger, dessen spezielle Leistung in einem speziellen Moment die Schöpfung der biblischen Schriften war. Sie beginnt sich durchzusetzen, als 50 Jahre vor De Wette, aus einer Sphäre übersteigerter Dogmatik und Vernunftbescheidung heraus, Männer, von der Unruhe nach den Quellen und Ursprüngen getrieben, die Urheimat der Menschen, den Orient, aufsuchten und Schlag auf Schlag die unerhörtesten Erfahrungen zurückbrachten. Die Religion des Zarathustra wurde in persischen Texten der europäischen Gelehrtenwelt vorgelegt, Indien gab das Geheimnis seiner Sanskritsprache preis und erschloß damit eine uralte religiöse Literatur, Ägypten begann zu sprechen, Mesopotamien erstand wieder — kurzum, im Laufe zweier Generationen war, rein literargeschichtlich betrachtet, das Alte Testament nicht nur seiner zeugnishaften Einzigartigkeit, sondern vor allem seines Altersvorranges verlustig gegangen. Man befand sich in dem schwindelerregenden Besitz von heiligen Schriften, die um Jahrhunderte älter waren als das bisher älteste Buch der Menschheit, die Bibel. Die Wirkungen waren erschütternd. Das bisherige Gebäude der biblischen Weltanschauung war aus den Fugen. Das Alte Testament war nicht mehr der feste Punkt, von dem aus man in das umliegende Dunkel vorstieß, sondern von überall her stieß man nun gegen das Alte Testament vor und versetzte es in die peinliche Lage, sich um so krampfhafter verteidigen zu müssen, als es bisher noch nie angegriffen war. (Schluß folgt.) 294

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