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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 291

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Die christliche Wissenschaft vom Judentum
Date
1934-09-01
Page
291 (sequence 9)
Language
German
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Die christliche Wissenschaft vom Judentum noch einem Goethe als Quelle für seine Kenntnis des Judentums gedient. Der Arbeitsteil Buxtorfs, der das rabbinische Judentum zum Gegenstand hatte, fand in Deutschland keine bedeutende Förderung. Dagegen entstand nach der Mitte des 17. Jahrhunderts in England das klassische Werk des Theologen Lightfoot: „Erläuterungen des Neuen Testaments aus dem Talmud." Es ist eine fast völlig durchkommentierte Ausgabe der vier Evangelien, in der der Stoff des Kommentars aus jüdisch-rabbinischen Schriften geschöpft ist, und ist das Musterbuch für eine ganze Kette gleichartiger Werke geworden. Von England her wird schließlich zu Ausgang des 17. Jahrhunderts eine vollkommen neue Wissenschaft eingeleitet, die vergleichende Religionswissenschaft. Der Christenmensch des ausgehenden Mittelalters hatte, wenn er seinen Blick in die Vergangenheit wandte, wie in einen Trichter gesehen. In seiner Gegenwart die volle Ausdehnung der Welt, je weiter er zurücksah, ein mehr und mehr sich verengendes Gebiet im Gesichtsfeld, bis er über dem sich zuspitzenden römisch-griechischen Zeitalter die graue jüdische Königszeit, die kleine Patriarchengemeinde und den engsten Kreis des Paradieses sieht. Die Bibel war für ihn nicht nur das tiefste Buch aller Bücher, sondern sie war auch das einzige Buch in jener Tiefe der zeitlichen Abgründigkeit, und rings um sie war eine leere Welt, aus der allein der jüdische Bericht spärliche Trümmer der Kunde überliefert hatte. So kamen die Juden, von denen in der Bibel berichtet wurde, in ein Licht von Einzigartigkeit und Originalität, das ihnen von Grund ihres Wesens hätte fremd sein sollen. Sie wurden gewissermaßen zu den einzig möglichen Gestalten, ihre Institutionen zu den einzig möglichen Institutionen in jener Vorzeit, während doch in Wahrheit Judentum gerade in seiner Auserwähltheit die positive Setzung alles Andersartigen als die Voraussetzung seiner auserwählten Existenz bedeutet. Juden in einer leeren Welt oder Juden allein in der Welt gelassen, würden aufhören müssen, Juden zu sein. Der englische Theologe Spencer (1630—1693), ein Mann, der die Welt nüchtern ansah und der die antiken Schriftsteller kannte, merkte, daß die Juden sich um so weniger von den anderen unterschieden, je weniger man die anderen von ihnen absonderte. Er wagte das mosaische Zeremonialgesetz scharf zu fassen, es mit sämtlichen, ihm durch profane Quellen bekannten arabischen und orientalischen Gesetzen und Bräuchen des Altertums zu vergleichen und dadurch deutlicher als je, indem das Gemeinsame sich aussonderte, das charakteristisch Jüdische hervorzuheben. Wir dürfen heute über seine speziellen Behauptungen ruhig hinwegschreiten. Die bleibende Bedeutung Spencers liegt in der noch unklaren Anregung, das Judentum mit dem Außerjudentum zu vergleichen und jene mythische Isoliert- 291

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