Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Die christliche Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 290 (sequence 8)
- Language
- German
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Rudolf Hallo rung der Heiligen Schrift). Das erste schildert in systematischer Vollständigkeit und exakter Breite die Sitten und Gebräuche der zeitgenössischen Juden, und zwar durchgängig mit bester Vertrautheit, mit staunenswerter Gelehrsamkeit und mit völliger Achtung. Diese „Synagoga Judaica" ist das Grundbuch, aus dem alle folgenden Generationen von gelehrten und nicht gelehrten Christen zugegebener oder nicht zugegebener Massen ihre Kenntnis der Juden schöpfen. Das zweite Werk ist eine gelehrte Abhandlung über die Überlieferung der jüdischen heiligen Schriften durch die Hände der Juden hindurch von ihrem kanonischen Abschluß an. Die dafür verwendete Mühe Buxtorfs und die Betonung, die wir auf dieses Buch legen, kommt ihm aber nicht seinem Inhalt nach zu, sondern seinem Zweck und seiner Bedeutung nach. Denn so gesehen ist es ein Stein im Gebäude der protestantischen Theologie. Wozu bei Luther noch der Glaube und der Mut ausreichten, nämlich sich im hebräischen Text des Alten Testaments des göttlichen Wortes in reiner Form gewiß zu halten, dazu mußte bei einem kleineren Geschlecht, das nur schrittweise zu gehen sich getraute, bewiesener Satz an bewiesenen Satz sich anschließen. Der Zweck des Werkes über die Masora ist, zu beweisen, daß die hebräische Bibel dank den jüdischen Masoreten tatsächlich unverfälscht das lautere Gotteswort durch die Stürme von fast zwei Jahrtausenden bis auf unsere Tage herab weiter getragen habe. In der Folgezeit sank die judenkundliche Literatur zu immer dickeren, aber immer flacheren Sammlungen von jüdischen Sittenschilderungen und Merkwürdigkeiten, aufgenommen unter dem Gesichtswinkel der Überheblichkeit oder der pastoralen Frömmelei oder, wo sie dem Zeitcharakter am meisten entsprach, zur kuriosen Geschichte herab. Eisenmengers „Entdecktes Judentum" (1700) verrät schon im Titel die geringere geistige Höhe des Schreibers, der doch weder ein Ignorant noch ein obskurer Eigenbrödler war. War er doch Professor für orientalische Sprachen in Heidelberg und fand sein Buch, als es 1711 nach seinem Tode in zweiter Auflage erschien — die erste hatten die Juden einzuschränken gewußt —, das Privileg des ersten preußischen Königs. Eisenmengers fabelhafte Belesenheit macht sein Werk zu einer Fundgrube von Wissen, aber es wird entstellt durch die Tendenz, alles was er bringt unter dem Gesichtspunkt der Stigmatisierung der Juden zu ordnen und nur das zu bringen, was so geordnet werden kann. Ein sympathischeres Werk aus der Fülle dieser offenbar zeitgemäßen Literatur schuf der Frankfurter Konrektor Sc hu dt in seinen ungeheuerlich angeschwollenen „Jüdischen „Merkwürdigkeiten" (1714). Es mag in der Oberflächenbeschreibung der jüdischen Außenseite, die dem christlichen Betrachter zu Gesicht kam, das Vollständigste und Treueste sein, was jene kleinbürgerliche und „kuriose" Welt hervorbrachte. Und es hat 290