Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Die christliche Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 289 (sequence 7)
- Language
- German
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Die christliche Wissenschaft vom Judentum Fügen wir in Parenthese hinzu, daß es dem scharfen Auge Luthers nicht entging, wie eine gewisse Gruppierung von alttestamentlichen Geschichtsnachrichten die Möglichkeit geben könne, die Ahnenreihe Jesu zuletzt auf die Hethiter zu führen und damit Jesus und sein Verdienst den Juden zu entziehen, so haben wir die Wurzel des Chamberlainschen Rassenantisemitismus vor uns. Bloß daß Luther schon wußte, was Chamberlain noch nicht weiß, daß ein aus dem Judentum herausgelöster Jesus mit dem Jesus, von dem die Evangelien sprechen und an den die Christen glauben, und vor allem mit dem Jesus, als den dieser sich selbst empfand, nichts mehr zu tun hat. Nach der Seite der Wissenschaft vom nachbiblischen Judentum hat sich bei Luther im Grunde gegen die Gesamthaltung der vorangegangenen Zeit nichts geändert. Auch für ihn noch steht es fest, daß die halsstarrigen Juden ihre eigenen heiligen Schriften wegen ihrer messianischen Unbelehrbarkeit gar nicht mehr verstehen können. Er stand den Juden so fremd — wenn auch zunächst freundschaftlich — gegenüber, daß er hatte glauben können, sie würden auf seine evangelisch befreiende Tat hin gar nicht anders können, als Christen zu werden. Daß sie ihn hierin enttäuschten und enttäuschen mußten, erklärt die Erbitterung, aus der später seine antijüdischen Schriften entstanden sind, aber es bezeugt auch Luthers vollkommenen Mangel an Gefühl für die Tiefe des Problems der jüdischen Fortexistenz. Die Juden blieben jedoch aller Bemühung zum Trotz auch der neuen evangelisch christlichen Gemeinschaft gegenüber bei ihrem Judentum, und sofern man sich gegen den Traditionalismus der katholischen Kirche auflehnte, wurden sogar die jüdischen Leistungen, die der Reinerhaltung des Schriftwortes dienten, wichtig und bedeutsam im Lehrgebäude der protestantischen Theologie. So mußte man sich nicht nur mit jüdischen Schriften, sondern auch mit jüdischen Menschen mehr als je zuvor beschäftigen. Die Epoche der Konsolidierung des Protestantismus bringt daher am Anfang eine Hochblüte der jüdischen Wissenschaft und läßt sie am Ende, nachdem die Aufklärungs- und Romantikerzeit derart selbstherrlich und wirklichkeitsfremd mit Juden und Judentum verfahren ist wie keine zuvor, in die allgemeine historische Wissenschaft ausmünden. Eine wie breite Rolle die wissenschaftliche Beschäftigung mit Juden und Judentum zunächst spielt, wird faßbar und konkret in dem ältesten der führenden Judaistenfamilie Buxtorf, Johannes Buxtorf. In zwei klassischen Werken findet sie ihre Darstellung, der „Synagoga Judaica" (1603 bis 1738 in immer erweiterten und verbesserten Neuauflagen erschienen) und in der Abhandlung „Tiberias oder über die Masora" (d. h. die jüdische Textüberliefe- 289