Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Die christliche Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 288 (sequence 6)
- Language
- German
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Rudolf Hallo er besitzt die geistige Gesundheit, sich von diesen Stoffmassen nicht bloß nicht erdrücken zu lassen, sondern sie auseinander zu halten und gegeneinander auszuwerten, und wo es angeht, verfehlt er nicht, die Juden in den Schlingen ihrer eigenen inkonsequenten Methoden zu fangen. Da zeugt Targum gegen Grundtext, tägliche schlechte Gewohnheit gegen vorgeblich gutes Gebot. Aber in all dem ist wissenschaftlich wenig selbständige Leistung- Die judaistischen Ausführungen Luthers entspringen kaum je eigener Forschung, sondern sind meist angewandter alter Schulstoff, und so findet sich in Luthers antijüdischen Schriften nicht nur die Durchschnittsmenge christlichen Wissens vom Judentum und das Durchschnittsverständnis, sondern auch die Durchschnittsmeinung, und mit ihr die ganze Aufzählung jüdischer Schandmäler, die von da an bis auf den heutigen Tag nicht aus der antisemitischen Literatur verschwunden sind. Aber damit ist die Bedeutung Luthers in dem Geschichtskreis, von dem die Rede ist, nicht richtig angegeben. Gerade weil wir betonen, daß Luthers jüdisches Wissen kaum über den Durchschnitt dessen hinausgeht, was man von einem führenden Theologen der Zeit erwarten durfte, gerade weil wir bemerkten, daß es ihm nicht direkt notwendig schien, neue Quellen, sei es zur vollständigeren Kenntnis, sei es zur richtigeren Beurteilung von Juden und Judentum sich zu erschließen, haben wir die Pflicht, deutlich aufzuzeigen, wie der überlegene Geist Luthers jenem versteinerten Stoff ganz neue Funken entlockt. Es war einer der sichersten Verbindungsstege zwischen Altem und Neuem Testament gewesen, daß Jesus leiblich aus dem jüdischen Volke hervorgegangen war und daß so ein Familienzusammenhang zwischen Christenheit und Judenheit bestand, der völlig außerhalb aller literarischen oder dogmatischen Problematik lag. Luther, ohne sich vom Alten Testament als dem Vor-Buch des Neuen Testaments zu trennen, wahrt sich diesen naturgegebenen Bindungen gegenüber völlige Freiheit. Mit dem einen Paradoxon, daß auch der Teufel aus Gottes Geblüt sei, spricht er die Trennung des Geistigen vom Leiblichen, des Wollens vom Müssen und die Notwendigkeit der sittlichen Entscheidung als des Kriteriums für Menschenwert und Geschlechterverbindlichkeit aus. Damit ist der allein auf Blut gegründete Zusammenhang zwischen Jesus und dem Volk des Alten Testaments auf einen unwesentlichen, wenn auch immer noch bedeutsamen Rest zurückgeführt. Diese, aber auch nur diese Verbundenheit des Blutes zwischen Jesus und den Juden ist allerdings auch noch für Luther um Jesu eigner Leiblichkeit und Zeugnisse willen ein Grundstein des evangelischen Glaubens. Aber sie begründet weder Verbindlichkeit und Rücksicht für die jüdischen Blutsverwandten noch Anerkennung der jüdischen Ungläubigkeit als eines beachtlichen Einwands gegen Jesu Messianität. 288