Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 287

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Die christliche Wissenschaft vom Judentum
Date
1934-09-01
Page
287 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895526-2895533-2904236--07404-2904324
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die christliche Wissenschaft vom Judentum des Namens Gottes und Jesu selber (I h vv h und J h sch w h) die im Namen Jesu angedeutete Überwindung des Judentums durch das Christentum zu erweisen. Es ist nur eine natürliche Folge oder eine Wechselwirkung dieser Haltung Reuchlins, daß er mit den lebenden Juden seiner Zeit in persönliche Beziehung tritt. Aus seiner positiven Stellung zum Judentum heraus ist er bereit, als Christ Kräfte, die aus dem Judentum kommen, in sich aufzunehmen und fruchtbar werden zu lassen. Damit ist zum ersten Male ein Wert auch nachbiblischer jüdischer Leistungen anerkannt. Eben diese Anerkennung ist es denn auch, die zum Konflikt mit der ablehnenden katholischen Lehrmeinung führt. Die katholische Meinung war durch jahrhundertelange Gewöhnung so sehr von der geschichtsnotwendigen Bedeutungslosigkeit aller nachchristlich jüdischen Arbeit überzeugt worden, daß sie schließlich dazu kam, den Unterbau ihres Neuen Testaments, das Alte Testament selbst, nur noch in der nichthebräischen, übertragenen Form, der Vulgata, zum Textbuch ihrer Heilsplanoffenbarung zu machen. Mit der allgemein zu dem reinen Wort Gottes zurückstrebenden Bewegung des neuerstarkenden Glaubensbedürfnisses, mit dem Wunsche, die Sprache des Herrn und die Sprache seiner Boten unvermittelt durch Zwischenträger aus dem Urtext der heiligen Schriften zu vernehmen, wuchs aber nun die Bedeutung der Kenntnis jener Ursprachen, des Griechischen (Neues Testament) und Hebräischen (Altes Testament), und wuchs ebenso stark die dringliche Frage nach der Reinheit und Art der Überlieferung des heiligen Textes vom Abschluß der heiligen Schriften an bis auf die gegenwärtige Zeit. Damit allein war schon gegeben, daß die Juden und ihre Literatur als die Mittler jenes Schatzes zu einem notwendigen Bestandteil des christlichen Wissensbetriebes wurden. Wie sich Reuchlin und sein Großneffe Melanchthon zu den ersten Lehrern des Hebräischen und des Griechischen aus eben jenen Gründen des Glaubens notwendig entwickelten, so entwickelte sich durch sie und um sie herum die klassische und judaistische Gelehrsamkeit des Abendlandes. So rückten die gelehrten Juden in die Bedeutung von Arbeitskollegen, von Helfern und Lehrern herauf. Einen Elias Levita versuchte König Franz I. an die Universität nach Paris zu ziehen. Von den Juden zu lernen, verschmähte auch Luther nicht. Er zeigt sich nicht nur mit dem hebräischen Urtext, sondern auch mit den jüdischen Versionen der heiligen Schriften des Alten Testaments, mit Septuaginta, Targum und Nebenschriften vertraut, er kennt selbstverständlich Philo, aber er kennt — zumeist durch seine gelehrten Helfer — auch den Midrasch und die täglichen Gebete der Juden und ist sich dieser Kenntnis mit Stolz bewußt. Denn1 287

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.