Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Die christliche Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 286 (sequence 4)
- Language
- German
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Rudolf Hallo mente, in welche nach dem Vorangehenden die Wissenschaft vom Judentum sich bei den christlichen Gelehrten zerlegen ließ, sind bei Reuchlin in folgender Weise vorhanden: die Bibelkunde ist für ihn als katholischen Gelehrten eine selbstverständliche geistige Grundlage. Sie ist so sehr in sein Denken, Fühlen und Glauben verwoben, daß er sich durchaus nicht immer bewußt sein wird, in seiner Bibelkunde überhaupt ein Wissensgebiet zu besitzen. Für die Menschen der vorhumanistischen Epoche ist die geistige Lage noch insofern einheitlich, als sie sich in den Bereichen der geistigen Unterkunft eindeutig aus dem Christentum und damit, wenn nicht aus dem Judentum, so doch aus der biblischen Vorwelt heraus bestimmt fühlen. Erst die Menschen der neueren Zeit geraten in das Gefühl der Doppelabhängigkeit von Christentum und biblischem Zeitalter einerseits, von Heidentum und Antike anderseits. Erst für diese Menschen wird der Besitz der Bibelkunde, weil er auch fehlen könnte, zu einem bewußten Wissensschatz. Erst in nachreformatorischer Zeit kann daher das weite Gebiet der alttestamentlichen Wissenschaften, das nach allen Richtungen über die Vertrautheit mit dem Wort der heiligen Schriften hinausreicht, angebrochen werden. Und die dritte Komponente, die in dem Gelehrten als richtunggebende Kraft ins Bewußtsein treten könnte, nämlich die Verwurzelung und Erbschaft der nordischen Heimat, kommt im Bereich der christlichen Wissenschaft vom Judentum erst in der modernen Periode zum wirksamen, fördernden oder störenden Durchbruch. Für die Bibelkunde Reuchlins also erübrigt es sich, Nachweise anzuführen. Sie ist Voraussetzung, nicht Erwerb seiner wissenschaftlichen Arbeit. Dagegen kommt ihm in der Wissenschaft vom nachbiblischen Judentum eine grundlegend selbständige Bedeutung zu. Sein Auftreten geht zurück auf den bekannten Dunkelmännerkampf der Dominikaner und des Täuflings Pfefferkorn gegen die jüdischen Schriften, in welchem er sein undogmatisch positives, verantwortungsbewußtes und auf Sachkenntnis beruhendes Interesse an den Juden betätigte. Auf dem Gebiet der Zubilligung geht Reuchlin über jedes katholische Zugeständnis weit hinaus und versetzt die Aufgabe der Juden nicht mehr bloß in jenen überirdischen Zwischenzustand, wo ihr einziger Wert darin besteht, die Entweihung des göttlichen Namens hintanzuhalten, sondern er sieht in dem, was die Juden seiner Zeit leisten, in der Kabbala, eine dem Christentum zwar ungleichartige, aber parallele und berechtigte Bewegung des Glaubens oder mehr noch des Strebens nach Erkenntnis Gottes. In weit ausholenden Werken versucht er, die Kabbala zum Range einer der Theologie gleichberechtigten Wissenschaft zu erheben, zugleich freilich auch mit kabbalistischen Methoden aus den Geheimnissen 286