Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Die christliche Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 285 (sequence 3)
- Language
- German
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Die christliche Wissenschaft vom Judentum genden Jahrhunderte. Sie können sich den lebendigen Juden nähern und sie können sich von ihnen abwenden, immer bleibt die Fortexistenz der Kinder Israel dem christlichen Verstände begreiflich. Wird die Anerkennung des Volkes Gottes aus eigenem Gleichtakt betont, wie im Reich Karls des Großen, der sich in seiner heidnischen Umwelt mit göttlichen Aufgaben betraut hielt wie David und Salomo, so kann ein Abglanz jener Anerkennung auch auf die lebenden Juden fallen, kann zu anerkennenden Regulativen für die Juden und zur Heranziehung jüdischer Gelehrsamkeit bei den christlichen Theologen führen. Wird die Ablehnung der jetzigen Träger der alttestamentlichen Verkündigung hervorgehoben, wie am Ende in der katholisierten und gesättigten Welt der Vorreformationszeit, so verfallen die jüdischen Werke als verwirrend dem Feuerbrand. Wird zuvor auf der Höhe des Kirchentums die Verbindung zwischen Himmel und Erde substanzialisiert, so wird von Dante die hebräische Sprache zur Sprache, in der Gott selbst spricht, erhoben, und so werden von dem größten aller Päpste, Innocenz III., die Juden vor Bedrückung geschützt, „weil durch sie Unser Glaube wahrhaftig bestätigt wird" — aber die lebendigen Juden, die individuellen Vertreter dieser dogmatischen Ideen, bleiben in einem Zwischenzustand von Seligkeit und Verdammtheit schweben, sie bleiben ungekannt. In diesen drei Kräften trifft das Reformationszeitalter auf unser Problem, den drei Kräften, denen als Kraftfelder sich allmählich die Wissensgebiete angliedern: der Anerkennung des Alten Testaments die alttestamentliche und Bibel Wissenschaft; der Ablehnung die Wissenschaft vom nachbiblischen Judentum; der Zubilligung und Sublimierung die Dogmatik und Phänomenologie, jene soweit sie auf die Ideen, diese soweit sie auf ihre in Erscheinung tretenden Träger gerichtet ist. Am Eingang des Reformationszeitalters steht als Vertreter der christlichen Wissenschaft vom Judentum Johannes Reuchlin aus Pforzheim (1455—1522). Er ist bis auf diesen Tag der einzige unter den christlichen Wissenschaftlern vom Judentum, der als ganzer Mensch unter die wirklich Großen einzureihen ist. Denn — diese bittere Erkenntnis sollte als Motto über den Kapiteln unserer Arbeit stehen — es ist leider so, daß alle, die Großes in Judaicis geleistet haben, kleine Menschen waren, und daß alle, die große Menschen waren, sich in Judaicis nicht bemühten. Wir brauchen nur Luther und Goethe auf der einen Seite, Buxtorf und Franz Delitzsch auf der andern zu nennen, und unsere Feststellung ist bewiesen! Reuchlin aber, der eine neue Epoche einleitet, macht die eine bedeutende Ausnahme, und vielleicht leitet er gerade dadurch, daß er eine Ausnahme macht, die neue Epoche ein. Die drei Ele- 285