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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 284

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Die christliche Wissenschaft vom Judentum
Date
1934-09-01
Page
284 (sequence 2)
Language
German
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Rudolf Hallo benen Volks der Juden nach dem Erscheinen des Messias zu senken, um es dem beunruhigten Gewissen ins möglichst Wesenlose zu entrücken. Damit war die Richtungslinie für die Einstellung der früh-katholischen Periode vorgezeichnet. Je mehr das Vergangene des Judentums gelobt werden mußte, desto mehr mußte das Gegenwärtige und das Nachgelieferte der Zeit vom Ende des alttestamentlichen Schrifttums bis zur jeweiligen Gegenwart herabgesetzt werden. Es durfte nicht wahr sein, daß dem übriggebliebenen, offenbarungsgeschichtlich überflüssigen Judenteil ein Wert an sich zukam. Sein Wert kam ihm zu, insofern aus den Juden Jesus stammte, insofern seine Prophezeiungen durch das erste Erscheinen Christi besiegelt worden waren, aber den nachgeborenen, den ihre eigenen Werke überlebenden „sinnlosen" Juden war das Elend und die Zerstörung zu Recht geschehen, sie waren halsstarrig gewesen und wurden dafür gestraft, und jeder Christ, wenn und weil er als Christ den Grund der Strafe wußte, war damit des Nachdenkens über die Problematik der Existenz eines geschlagenen Gottesvolks überhoben. Und doch vermochte diese lediglich dialektische Verteilung von Licht und Schatten den Christen nicht lange Genüge zu tun; denn sie schaffte nicht nur die Tatsache lebendiger Juden nicht aus der Welt, sondern sie schlug auch auf den Beurteiler selbst zurück: sie entweihte ihm seinen eigenen Gott, der doch derselbe war, welcher dem Volke des Alten Bundes Treue zugeschworen hatte. So entstand nach Überwindung der Fehlkonsequenz Marcions, daß dann eben der Gott des Alten Testaments ein anderer sein müsse als der des Neuen Testaments, der dogmatische Ausweg, der abstrakt den Juden Genüge tat, ohne sie konkret zu verteidigen, daß nämlich doch noch ein Positives in dem überlebenden Rest der Juden gelegen sei: sie hätten durch ihre Aufbewahrung bis zum Ende der Tage die Entweihung des gött- -lichen Namens, bei dem ihnen ewige Dauer zugeschworen war, hintanzuhalten. So hat esjustinus, der älteste christliche Wissenschaftler vom Judentum, formuliert. Indem derart den Juden ein Zugang zum Himmel offengehalten wurde, sofern ihnen eine göttliche Aufgabe aufbewahrt blieb, konnte um so reueloser den konkreten Leistungen der nachbiblischen, mitlebenden Juden jede Würdigkeit generell und mit dem Anschein der Berechtigung abgesprochen werden. In diesen drei justinischen Grundsätzen liegt die ganze vorreformatorische Entwicklung der christlichen Wissenschaft vom Judentum eingebettet: Anerkennung in bezug auf das heilsvorbereitende Alte Testament und sein vergangenes Trägervolk, Ablehnung der Möglichkeit wertvoller Leistung durch das verkommene Volk der Nachfahren, Zubilligung der überzeitlichen, heilsplanmäßigen Bedeutung des aufgehobenen Restvolkes. Je nach dem Mischungsverhältnis dieser drei Kräfte charakterisieren sich die fol- 284

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