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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 283

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Die christliche Wissenschaft vom Judentum
Date
1934-09-01
Page
283 (sequence 1)
Language
German
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Rudolf Hallo: Die christliche Wissenschaft vom Judentum Aus dem Nachlaß Rudolf Hallos veröffentlichen wir die wesentlichsten Stücke einer 1924 in Franz Rosemweigs Freiem. Jüdischem Lehrhaus in Frankfurt a. Main gehaltenen Vorlesung. Sie sah ihre Aufgabe darin, zu zeigen, wie sich im Lauf der Jahrhunderte in der wissenschaftsgeschichtlichen Haltung unserer gelehrten christlichen Beobachter — die ja nur ein Teil der menschlichen Haltung überhaupt ist — das Problem „Judentum" von Epoche zu Epoche anders darstellt, worin und warum es sich anders darstellt. Es zeigt sich dabei, daß nicht nur die Fragen sich von Epoche zu Epoche verschieben, sondern daß auch der Gegenstand des Fragens, das Judentum, immer andere Seiten ins Licht rückt. Daß es überhaupt eine christliche Wissenschaft vom Judentum gibt, hat seinen Grund darin, daß die Person Jesu als des Stifters des Christentums aus dem Judentum hervorgegangen ist und daß die Schriften, die seine Verkündigung und sein Wirken überliefern, auf den Schriften der Juden als auf ihrer unabweislichen Grundlage aufgebaut sind. Hätten sich die Juden zum Christentum bekehrt, so gäbe es zwar vielleicht eine antiquarische Gelehrsamkeit jenes längst ausgestorbenen Judentums vorchristlicher Zeit, aber es gäbe keine lebendige, aus Lebensnotwendigkeiten der Christen erwachsene, christliche Wissenschaft vom Judentum. Da aber die Juden sich dem neuen Glauben gegenüber ablehnend verhielten, da sie durch ihre — wenn der Offenbarungsfortschritt logisch verläuft — vielleicht unlogische Weiterexistenz dem Christentum und seinen Zeugnissen beständig Widerpart hielten, mußte sich eine Kluft zwischen Judentum und Christentum auftun. Diese erlegte dem Christentum, als dem ständig angreifbaren Verfechter der Messianität Jesu, mehr als dem sich lediglich in vormessianischer Erwartung behauptenden Judentum, die Nötigung auf, sich mit der Frage nach dem Grund und nach der Form der Fortexistenz von Juden zu beschäftigen. Je mehr man dabei sich gezwungen sah, das Volk der Verheißung des Alten Testaments als den Kronzeugen der Erfüllung im Neuen Testament zu halten und zu heben, desto lebhafter fühlte man sich auf der anderen Seite bewogen, den Wert des übriggeblie- 283

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