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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 276

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Jugend auf der Suche
Date
1934-09-01
Page
276 (sequence 2)
Language
German
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Günter Friedländer Da ist zunächst die Tatsache, daß die Beschäftigung mit jüdischen Dingen zur Mode geworden ist. Eltern, die ihr Kind in den Bund geben wollen, stellen bei der Auskunft, was eigentlich auf dem Heimnachmittag gemacht wird, stets die Frage: „Treiben Sie auch genügend Jüdisches?" Der innere Zwang, sich den Dingen zu nähern, war ungeheuer groß; noch größer aber ist der Zwang der „Modernität". Wenn hier also nicht eine wirkliche Vertiefung erreicht wird, muß der Drang, jüdische Dinge zu lernen, bald in eine große Müdigkeit, vielleicht gar in Widerwillen umschlagen. Daß solche „Konjunktur"beschäftigung mit jüdischen Dingen nicht zum religiösen Judentum führen kann, liegt auf der Hand. Es kommt aber, und das ist viel gefährlicher, etwas anderes hinzu: Zeiten, die vom Rationalen bestimmt werden, werden abgelöst von Zeiten, in denen das Irrationale bestimmend ist. Nach der übertriebenen Vernünftelei der vergangenen Zeit finden wir heute in weiten Kreisen der jungen Generation ein übersteigertes Nur-erleben-wollen, die Ablehnung jeder Vernunft vor. Das ist weit gefährlicher als die Wirkungen der jüdischen Mode. Da stehen Menschen, die wollen das Judentum zum Halt für die Schwachen machen, die Synagoge ist für sie der Ort, in dem wie ein Gnadenakt wahre Religiosität und damit scheinbar echtestes Judentum über sie kommt. Sie sprechen von der neuen Feiertagsgestaltung, von der Wiedererweckung alten Brauchtums; dagegen wäre nichts zu sagen, wenn das, was sie anstreben, wirklich die tiefste innere Verbindung ihrer Generation mit dem Judentum wäre; aber sie wollen nur eine jüdische Atmosphäreschaffen, in der das Judentum sie überkommt. Welch verhängnisvolles Mißverständnis! Sie wollen Judentum erleben lassen, wo es doch zunächst einmal gelebt werden soll; an die Stelle des alten „Geh hin und lerne" setzen sie ein „jüdisches Erlebnis", das so in Wirklichkeit keines ist. Für sie ist das Judentum letzten Endes nur eine Sammlung jüdischer Bräuche, — die sie nicht etwa in ihr Leben einbeziehen, sondern die ihnen nur Stoff zu romantischer Schwärmerei bieten. Ihnen gegenüber stehen die, die in der Beschäftigung mit der Bibel als ihrem Buch ihren Weg zum Judentum suchen. Auch hier gibt es wieder eine verhängnisvolle Bewegung. Es gab eine Generation, die, im Zweifrontenkampf gegen die zunehmende Ablehnung der Umwelt einerseits und den erwachenden Zionismus als den Schrittmacher jüdischen Bewußtseins auf der anderen Seite, das Judentum zur reinen Religion stempeln wollte. Diese Haltung war nicht immer Ausdruck und Rechtfertigung wirklich religiöser Menschen, sie wurde nur allzu oft zum Vorwand, zum bloßen Lippenbekenntnis, zum Bequemlichkeitsstandpunkt mißbraucht: von hier aus führte nämlich der scheinbar leichteste, geradeste Weg zu einem kompromißlosen deutschjüdischen 276

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