Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Jugend auf der Suche
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 275 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Günter Friedländer / Jugettd CLItf der Sudle Eine grundlegende Wandlung hat sich in kürzester Zeit in der jüdischen Jugend vollzogen. Sie, die bis gestern ihr Schicksal von denselben Mächten und Kräften bestimmt glaubte, die das Leben der deutschen Menschen gestalteten, sieht sich verpflichtet, neuartig den Weg ihres Lebens zu bestimmen. Kinder einer im tiefsten rational bestimmten Welt, fühlten sie mit einem Mal die Hohlheit der auf sich selbst gestellten Ratio. Sie erleben den Sieg des Glaubens, der sich gegen die Ratio vollzieht. In ihrer Bestürzung wendet sich ihr Blick vom Tage ab, versucht sich über das Einzelschicksal und das Zeitgeschehen zu erheben, um das Schicksal der Gruppe in der Zeit zu erkennen. Sie stellen, wie jede denkende Jugend, die Frage nach dem Sinn ihres Schicksals und sie, die von der Ratio Enttäuschten, sind weit davon entfernt, in diesem Schicksal einen nur politischen Sinn zu sehen. Abgekehrt von der Welt der Erwachsenen greifen sie zur Bibel, und da sie eben Geschichte erlebt haben, wie kaum eine Generation zuvor, haben sie Blick genug für die Geschichte, um in der Schrift ein Werk zu sehen, das den Schlüssel des Verständnisses unserer Zeit liefern kann. Trotz aller Abgeschiedenheit nimmt diese Generation vieles von der Betrachtungsweise ihrer Umgebung auf. Ist es Assimilation an eine Umwelt, an die Assimilation doch undenkbar scheint? Ist ihr Schicksal so eng mit dem der Umwelt verbunden, daß es auch ohne Assimilation in seinen großen Linien parallel verläuft? Oder entwickelt sich hier unaufhaltsam ein Stück europäischer Geschichte, an dem die deutschen Juden als Europäer teilhaben? Und ist die Entthronung der Ratio kein spezifisch jüdischer, kein spezifisch deutscher, sondern ein europäischer Vorgang? Die junge Generation ist gewillt, in ihrer Geschichte ein Stück jüdischer Geschichte zu erblicken, und wie auch die Verbindungen zur Umwelt seien, diese Geschichte vom Jüdischen her zu bestimmen. Und so findet sie sich in der Schrift angesprochen: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, daß ich einen Hunger ins Land schicken werde. Nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Worte des Herrn zu hören." Wie sollte sie, die gewillt ist, die Erbschaft der jüdischen Geschichte anzutreten, sich hier nicht angesprochen fühlen? Sollte ihr Geist sich nicht erregen, wenn sie liest: „Ein Königreich von Priestern sollt ihr sein, ein heilig Volk!" Dieser Wiederentdeckung der Schrift widerstreben nun zwei Erscheinungen, die in ihren Auswirkungen die ehrliche Beschäftigung mit der Bibel sinnlos machen könnten. 275