Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 277

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Jugend auf der Suche
Date
1934-09-01
Page
277 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2895450-2895526-2895533-2904234--07392-2904314
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jugend auf der Suche Bekenntnis. Repräsentanten solchen pseudo-religiösen Judentums treffen nun heute auf eine Generation, die nicht wie jene „Religion trägt", um deutschjüdisch sein zu können, sondern deutschjüdisch ist, weil sie vom Religiösen kommt, und rufen ihr das „Seht ihr, ihr seid doch genau so wie wir" entgegen. Diese völlig unberechtigte Identifizierung kann für die Suchenden nur ein Hemmschuh sein. Wenn sie sich aber nicht von ihr hemmen lassen, zeigt sich sehr bald, wie wenig die einen den anderen gleichen. Denn der Weg dieser suchenden Generation, die übrigens sehr stark ist, geht geradezu zum Konservativismus. Was führt sie dorthin? Das unbedingte Ablehnen jedes Liberalismus nach dem Vorbild der Umwelt? Die natürliche Reaktion auf einige unreligiöse Jahrzehnte? Ihr Lebensbild ist nicht mehr das ihrer Väter. Sie wollen ihren Weg nicht frei und ungebunden gehen, sie glauben nicht daran, daß sie ihn weitgehend aus eigenem Willen zu gestalten vermögen. Sie erkennen ihr Leben erst dann als sinnvoll an, wenn es gebunden ist an Verpflichtungen, die ihrer Ansicht nach bestehen, gleichgültig, ob sie sich zu ihnen bekennen oder nicht. Und sie sind Kinder einer Zeit, die die Verpflichtung, die freiwillige Bindung als Grundlage des sinnvollen Lebens betrachtet. Aber all diese Bindung, die ihnen jüdische Abstammung und deutsche Umgebung auferlegen, lassen ihnen einen Raum, den sie kraft der übernommenen Verpflichtung selbst auszugestalten vermögen. So übernehmen sie das Gesetz, wollen es mit „dem Zaun" umgeben und dennoch sinnvoll weiterentwickeln. Das Gesetz ist für sie nicht unantastbar, es soll sich lebendig fortentwickeln. Die Schabbos-Ruhe ist für sie nicht etwas Unzeitgemäßes, das sich praktisch nicht durchführen läßt. Wohl sehen sie die Schwierigkeiten, die das für einen großen Teil von ihnen bringt; aber die unter ihnen, die den Schabbos halten können, betrachten seine Heiligung als ihre selbstverständliche Pflicht. Kann für eine Generation, die die Heiligkeit der Arbeit neu erkannt hat — dort meist, wo sie nicht vorhanden war —, die Heiligkeit der Ruhe unzeitgemäß sein? Sie sieht es als eine Schwäche an, daß diese Ruhe von so wenigen gehalten wurde, denn sie glaubt, daß es das Zeichen des Arbeiters ist, die Ruhe zu heiligen. Und wenn sie mit altem Brauchtum ihre Feiern ausgestaltet, so tut sie das nicht, um sich in die jüdische Atmosphäre zu stürzen, die sie nicht braucht, da Judentum sie erfüllt. Der Weg, den diese Jugend nehmen wird, ist nicht erkennbar, denn ihre religiöse Haltung ist nicht weniger problematisch als ihr ganzes Leben: sie sind auf der Suche. Doch sie gehen ihren Weg mit der Unbedingtheit derer, die wissen, daß sie der jüdischen Gemeinde verantwortlich sind, daß ihr Weg nur ein jüdischer sein kann, und daß hier ihre Pflicht liegt. 3 277

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.