Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Ismar Elbogen zum 60. Geburtstag
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 273 (sequence 3)
- Language
- German
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Ismar Elbogen zum 60. Geburtstag Juden in Deutschland" ankündigt, so sehen wir ihr mit fühlbarer Spannung entgegen. Der eben unter seiner Ägide erfolgte Abschluß der „Germania Judaica", die die älteste Periode jüdischer Siedlung in Deutschland, von den Anfängen bis zum 13. Jahrhundert, enzyklopädisch darstellt und zu der Elbogen die summierende Einleitung geschrieben hat, gewinnt symptomatische Bedeutung. Aus dem gleichfalls in diesen Tagen der Öffentlichkeit übergebenen zehnten Band der „Encyclopaedia Judaica" ragt sein Beitrag „Literatur" hervor. Die Drangsal zu überwinden, die immer wieder über uns kommt, — unter diesem Gebot steht Israel seit jeher. In den primitiven Zeiten, die für uns die biblischen sind, murrte das Volk, und Gott wies es durch seine Propheten zurecht. In der langen Exilszeit schrien unsre Väter immer wieder zum Herrn, und Gebet und Flehen spendeten von selbst den Trost. Heute gibt es nur ein Mittel, uns zu helfen: die reine, klare Erkenntnis. Wir erreichen nichts, wenn wir unserer Jugend vage und platonisch ans Herz legen: liebe dein Judentum, denn du bist Judel Wir retten keinen, wenn wir nichts tun als ihn mahnen, sein Judentum nicht zu verleugnen, sondern es mutig zu bekennen. Den Gebeugten aufzurichten, die Irrenden und Zweifelnden zu führen, die neue Generation zu bilden vermag nur die eine Parole: Suche die Quelle zu erforschen, der du entsprungen bist; denke darüber nach, welch seltsam verschlungene Wege die Geschichte deines Stammes genommen hat über alle Erdteile und durch alle Zeitalter hindurch; frage, was es bedeuten mag, daß von allen Völkern der Antike nur dieses eine am Leben geblieben ist! Nicht an das Mitleid der Umwelt appellieren, sondern auf Grund historischer Fakten und gestützt auf nichts anderes als auf die strenge Logik des Geschehens sein Dasein — sich selber! — bestätigen. Tritt so die Verpflichtung zum Wissen an die Seite der Religion und wird sie ein Teil von dieser, so wird sie zugleich an die Stelle aller ephemeren und wohl nur eingeredeten moralischen Verpflichtungen treten. Manch einer glaubte sich berufen, die Probleme der Staaten zu diskutieren und die soziale Frage ein für allemal auf der ganzen Welt zu lösen — das war falsch; der Not und den Nöten ist dadurch nicht Einhalt geboten worden, und wieder hat sich erwiesen, daß nicht die Materie den Geist, sondern allein der Geist die Materie trägt. Wir vermögen nicht zu wissen, ob die Verkündigung Jesajas, daß das Schwert zum Pfluge werden soll, sich je erfüllen wird; wir können nur demütig dessen harren. Daß aber unser eigener Spieß zum Winzermesser werden muß, ist ein Zwang, den wir als Geschenk empfinden, und so soll denn alle Kraft dem Weinberge gewidmet sein, der nicht mehr verwahrlosen darf. Vor einem Jahrzehnt hat Elbogen sein Jubeljahr begangen — wie ganz anders der 1. September des Jahres 1934, an dem er 273