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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 269

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Geistliche und geistige Führung
Date
1934-09-01
Page
269 (sequence 5)
Language
German
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Geistliche und geistige Fährung Dinge doch hier ganz ähnlich wie in vielen wissenschaftlichen Disziplinen. Die Spezialisierung läßt sich nirgends aufhalten. Manche Funktion ist schon anderen übertragen worden, manch andere wird noch Fachleuten überantwortet werden. Aber der Rabbiner wird nichtsdestoweniger seinen Platz behaupten, und zwar nicht nur in kultischen und in angrenzenden Bezirken, sondern als zentrale Persönlichkeit. Die Aufteilung der Arbeitegebiete wird vielleicht gerade besonders wertvolle Menschen wieder in den rabbinischen Beruf bringen, weil doch umfassende Aufgaben locken. Ganz große Meisterschaft auf halachischem Gebiet und menschliche Größe in jüdischer Ausprägung werden den Rabbiner wieder in den Mittelpunkt stellen. Während ich dieses formuliere, fällt mir ein, daß ich hier keine vage Vermutung ausspreche. Chajes, der zu früh Heimgegangene, hat ein ungewöhnliches Ansehen erlangt, weil er ohne klerikale Ambitionen sein großes Menschentum in die Waagschale warf und dadurch auf steinigem Terrain ungeahnte Erfolge errang. Nicht der Talmudist und Gelehrte Chajes, der er freilich war, sondern der große jüdische Mensch Chajes wurde Vielen erhabenes Vorbild, obgleich seine Parteizugehörigkeit von vornherein eher trennend hätte wirken können. Aber da nur die Ehrlichkeit und eindeutige Haltung überzeugen können, so erhöhte das mutige und unentwegte Eintreten von Chajes für den Zionismus nur seinen Einfluß. Weltliche geistigeFührer sind vonnöten. Weltlich bedeutet nicht die Tendenz zur Säkularisierung. Gemeint ist damit lediglich, daß die Tätigkeit eines solchen Mannes nicht in den Zusammenhang der geistlichen Funktionen gehört. Amtieren in der Synagoge, die Fülle der Kasualien sollen die schwere, noch durch keine Gewohnheit und Tradition vorbereitete Arbeit nicht beschweren. Der weltliche Führer wird nur darum von mir so genannt, weil er nicht unbedingt als Rabbiner autorisiert sein muß. Er soll den Weg zu jungen und jugendlichen Menschen finden, soll, im Besitz guter jüdischer Kenntnisse, mit der Problemlage unserer Zeit aufs innigste vertraut sein. Es ist nicht meine Aufgabe, die Notwendigkeit einer solchen Neuerung in allen jüdischen Gruppen zu prüfen. Ich kenne den traditionstreuen Kreis und beschränke mich auf diesen. Der für diesen Teil der Judenheit bestimmte Wegweiser wird ein guter Kenner von Bibel, Talmud und Religionsphilosophie sein müssen. Aber schon hier werden die Unterschiede deutlich: der neue Erzieher, an den ich denke, braucht z. B. den Talmud, die Dezisoren usw. weniger unter dem Gesichtswinkel der Halacha als praktischer Disziplin zu erforschen — die Prinzipien dieses Zweiges wird er gewiß kennen lernen —, denn vielmehr als literarische Gattung und Material, das sich vielfältig auswerten läßt. Auch die anderen Gebiete braucht er nicht primär in philologischer Hinsicht und ganz historischer Betrachtung zu meistern, so bedeut- 269

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