Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Geistliche und geistige Führung
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 268 (sequence 4)
- Language
- German
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Oskar Wolfsberg Menschen der Synagoge dauernd fernbleiben, nicht weil sie sie grundsätzlich ablehnen, sondern aus Abneigung gegen das Dilettantische der Problembehandlung (oft sogar der Problemstellung) von der Kanzel herab; meist hält die rednerische Tat des Predigers den Vergleich mit einem Vortrag oder Kolleg nicht aus. Nur drei Gattungen von Rabbinern üben noch heute Wirkungen aus: die ganz starken religiösen Naturen, deren großer fordernder Ernst so echt ist, daß er über alle Mängel sieghaft bleibt und den Weg zu den Herzen selbst dann findet, wenn er stammelt oder geistig naiv ist. Dann die Männer, die" sich und ihre Grenzen kennen und innerhalb dieser zu höchster Reife und Vollendung streben, absolut ehrlich gegen sich selbst und die, zu deren Lehrern sie bestellt sind. Endlich die seltenen Gestalten, denen umfassendes Wissen und zusammenschauende Gabe zuteil ward und die durch den Umfang ihrer Kenntnisse und die synthetische Fähigkeit ihres Geistes als Vorbild verehrungswürdig sind und als Lehrer immer Bereicherung spenden. Aber: Idealtypen sind selten. Ich glaube, die Dinge liegen im Gebiete der sozialen Arbeit wohl etwas besser. Und doch sind grundsätzlich dieselben Befürchtungen gegeben, daß in unserem Zeitalter auch hier die rabbinische Tätigkeit ins Hintertreffen geraten kann. Im Osten bewegt sich noch heute die soziale Funktion des Rabbiners in den Bahnen früherer Zeiten. Da können Weisheit und Güte Großes wirken. Im Westen ist auch dieses Arbeitsfeld wissenschaftlich ausgebaut. Es gibt eine lehrbare Technik dieser Tätigkeit. Ihr Erfolg ist an eine bestimmte Ausbildung gebunden. So sind nicht mehr die besondere Stellung des Rabbiners und die ihm eigenen Züge das Wesentliche. Das patriarchalische Zeitalter ist zu Ende, und damit ist auch in erheblichem Grade die einzigartige Rolle des Rabbiners zum Abschluß gekommen. Natürlich wird noch immer ein RabbineF mit bedeutenden geistigen und sittlichen Qualitäten sozial segensreich schaffen können. Auch dieser Zweig der Tätigkeit ist zu einem Spezialfach geworden, das nicht mehr unvorbereitet — nur aus dem guten Herzen — zu meistern ist. Und so scheint sich die Gesamtheit der rabbinischen Domäne in Sonderdisziplinen aufzulösen. III. Diese ganze Betrachtung ist nicht dazu bestimmt, die Tätigkeit oder die Bestimmung der Rabbiner zu bagatellisieren oder der völligen Spezialisierung das Wort zu reden. Es wäre unendlich wichtig, auch in Zukunft an die Spitze der Gemeinden einen Mann zu setzen, der im weitesten Sinne zur Führerschaft berufen und befähigt ist, in seiner Person alle Kräfte zu verbinden, die aus der Autorität ihre Legitimation herleiten und deshalb willig anerkannt werden. Gewiß soll den Rabbinern keines der Arbeitsgebiete entzogen werden, die immer ihnen gehörten, aber es liegen die 268