Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Geistliche und geistige Führung
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 270 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Oskar Wolfsberg: Geistliche und geistige Führung sam auch Philologie und Geschichte für ihn sind. Im Brennpunkt seines Interesses und seiner Auswertung müßte das Verständnis für das Geistesgeschichtliche stehen und die Fähigkeit, literarische Gattungen und Inhalte lebendig werden zu lassen für eine gleichermaßen der Vergeistigung und der Versittlichung dienende Erziehung. Die allgemeinen Ziele sind durchaus nicht neu. Wohl aber ist die eiserne Forderung neu, diese hohen Ziele in strengem Zusammenhange mit den großen Schätzen der jüdischen Literatur zu erreichen. Ohne ihn sind sie nämlich nicht erreicht worden, und selbst wenn das möglich wäre, so würden wir nicht darauf verzichten können, daß der Zusammenhang mit dem spezifischen Kulturgut des Judentums gewahrt bleibt. Denn wir wollen Juden bleiben und die künftigen Geschlechter uns erhalten. Dieses Bekenntnis aber soll nicht leer und matt sein, sondern aufs höchste erfüllt, reich an Inhalt und Bedeutung und charakteristisch in seiner Form. Gerade die Erhaltung der Formen, die für unser Lebensgefühl und seine Erhöhung bedeutsam sind, hängt unmittelbar von dem Vertrautsein mit der Literatur in ihrem hebräischen Gepräge ab. Für die Verwirklichung des Vorschlages wäre besser als jede Diskussion, so erwünscht diese an sich ist, der Entschluß, das Experiment, die Erfahrung entscheiden zu lassen. Wenn eine Großgemeinde den Versuch wagt und einen geeigneten Mann berufen sollte, um empirisch zu prüfen, welche Resultate sich auf diesem Wege erzielen lassen, so wird man bald Richtlinien gewinnen für Vorbedingungen, Arbeitsweise und Kompetenzen. Man wende nicht ein, daß die katastrophale Finanzlage jeden Versuch ausschließe. Ich fürchte, unsere Einbußen an jüdischer Substanz sind so groß und werden vermutlich noch in einem Ausmaße zunehmen, daß eine Vorbeugung, die theoretisch sinnvoll ist, praktisch erprobt werden muß, mindestens beispielhaft an einem Ort. Jüdische und allgemeine Bildung, geistige Bedeutung und Produktivität, Lebensnähe und Jugendlichkeit sind die Eigenschaften, die der neue Führertypus sein eigen nennen muß. Die Formung und Meisterung unserer Gegenwart ist eine Aufgabe, die sich in einer Andeutung nicht bewältigen läßt. Aber da unser Schicksal als Gemeinschaft und Träger einer großen religiösen Überlieferung heute noch mehr als früher von dem Geschehen um uns abhängt, da wir Objekt in der Welt sind und nur tastend wieder zum Subjektsein streben, so liegt hier; ein Zwang vor, dem wir uns nicht entziehen können und dürfen. Die Welt, die einmal unser Verschwinden und Untertauchen wollte, will uns jetzt nur als erkennbare und (von innen her) eigengesetzliche Gruppe. So gibt es einen Berührungspunkt, und es ist vielleicht nicht entscheidend, daß die Umwelt nicht aus Liebe uns aussondert. „Israel ist nicht verwaist" — das ist ein altes Wort; es trifft zu, wenn die Juden sich ihrer Kräfte bewußt sind und sie anzuwenden wissen. 270