Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Geistliche und geistige Führung
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 267 (sequence 3)
- Language
- German
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Geistliche und geistige Fährung II. Das Niveau der Predigt war trotz aller Sorgfalt, die in der Ausbildung der deutschen Rabbiner diesem Tätigkeitsgebiet und seinen geistigen Grundlagen zuteil wird und trotz der Wertschätzung, ja Überwertung, die der Kanzelrede widerfahrt, wohl nie sehr bedeutend; bestimmt ist es im Rückgang begriffen. Die rhetorische Begabung läßt nach, ihr Glanz verblaßt. Wir haben, wie es scheint, keine Redner mehr wie Sachs und Nobel, Jellinek und Maybaum. Auch ist man viel skeptischer gegen oratorische Leistungen geworden. Pathos und Rhetorik als Selbstzweck werden abgelehnt, und die sie lieben, sind sentimentale Menschen, die in dieser Darbietung eine Stärkung des Gemüts suchen. Selbst echte Leidenschaft ist suspekt geworden. Das ist das Resultat vieler Jahrzehnte unaufhörlicher Kanzelrede. Gewiß ist auch die Reaktion der Gegenwart übertrieben: man verwirft in Bausch und Bogen. Der einzige große Redner und Meister der Kanzel, dem ich persönlich begegnet bin, Nehemias Anton Nobel, war frei von allen Mängeln des Predigers. Seine Kraft war elementar, sein Zauber unergründlich. Genialität, Begnadung pulste in ihm, nichts Gemeines, Alltägliches trieb ihn. Solche Gestalten werden immer wieder die Kanzel erhöhen und ergriffene Hörer um sich scharen. Aber mit solchen Ausnahmen darf man nicht als Regel rechnen. Und als Regel ist anzusehen, daß Rednergabe selten ist, noch seltener aber sich mit einem Maße geistiger Reife und intellektueller Bedeutung paart, daß hieraus sich eine dauernde Wertquelle ergibt. Routine kann nicht echte Emanation ersetzen, und wohl erwogene Wirkung kann kein Ereignis werden. Predigt und Lehrvortrag haben immer Bedeutung gehabt und werden auch künftig nicht verschwinden; sie werden aber keine zentrale Stelle mehr einnehmen, sie behaupten diesen Platz auch jetzt nur formal. Je anspruchloser sie sich im Rhetorischen geben, je gediegener sie im Inhaltlichen und im geistigen Bemühen sein werden, um so besser werden sie ihre Funktion ausfüllen. Kritisch betrachtet, leidet diese Form rabbinischer Tätigkeit am fallenden Niveau. Ausbildung und Vieigestaltigkeit des Pflichtenbereichs geben dem Durchschnitt der Rabbiner keine Möglichkeit, gleichzeitig vielseitig, gründlich und in der Darstellung von einer gewissen Originalität zu sein. Wie soll heute ein Mann zu all den verworrenen, aufe höchste komplizierten Fragen des sozialen, geistigen und religiösen Lebens, mit Bedeutung und Anspruch auf autoritative Geltung, Stellung nehmen? Nicht selten sind unter den Hörern des Predigers Männer, die manche Probleme tiefer durchdacht haben. Ich will den Bildungsgrad des Laien nicht überschätzen, aber vielleicht ist die Frage berechtigt, ob nicht viele 267