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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 266

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Geistliche und geistige Führung
Date
1934-09-01
Page
266 (sequence 2)
Language
German
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Oskar Wolfsberg Die Entwicklung der letzten zehn Jahre hat mit unheimlicher Deutlichkeit dargetan, daß die Fülle der dem Rabbiner gestellten Aufgaben, die schon vorher die Kompetenz und Arbeitskraft eines Menschen bei weitem überstiegen, unmöglich weiter in der bisher üblichen Weise bewältigt werden kann. Halachisten von Bedeutung — das kann man ohne Kränkung sagen — hat die deutsche Judenheit in den letzten Jahrzehnten aus ihrer Mitte bis auf verschwindende Ausnahmen nicht hervorgebracht. Der Notwendigkeit, Autoritäten dieses Gebietes zu berufen, sind nur wenige Gemeinden gerecht geworden. Ich bin der Meinung, daß Gemeinden, insbesondere Großgemeinden, talmudisch hervorragend geschulter Rabbiner unbedingt bedürfen, die als Praktiker und Theoretiker ihrem Amt gewachsen sind. In Deutschland wurde im allgemeinen diesem Bedürfnis durch Berufung osteuropäischer Rabbiner genügt. Dieser Lösungsversuch wird künftig kaum noch in nennenswertem Ausmaß in Betracht kommen, er ist auch in der jungen Vergangenheit nur hin und wieder geglückt. Gerade Ungarn — im alten Sinne — bringt heute weder überragende Talmudisten noch Kenner des Halacha, die gleichzeitig gut gebildet sind, in hinreichendem Maße hervor. Männer vom Schlage David Hoffmanns, Marcus Hirschs und Marcus Horovitz' — um nur drei große Heimgegangene zu nennen, die alle drei die notwendigen Fähigkeiten und Gaben besaßen, um rabbinisch in Verband und Gemeinde oder als Lehrer von Rabbinern oder als Dezisoren zu wirken —, sind für die Zukunft aus ihrer Heimat nicht mehr zu erwarten. Litauen und Zentrallitauen besitzen noch eine beträchtliche Anzahl von großen Halachisten, obgleich auch hier die Höhe der früheren Zeit nicht mehr erreicht wird (das gilt im allgemeinen auch für ihre menschliche und religiöse Bedeutung). Jedenfalls sind nur verschwindend wenige berufen gewesen, in West- oder Mitteleuropa Gemeinden zu führen. Allzu sehr unterscheidet sich der Aufbau und die Lebensform der jüdischen Gemeinschaft im Osten, das Aufgabengebiet des Rabbiners dort von den Bedingungen bei uns, als daß man von dorther stammende Rabbiner ganz allgemein zu Führern unserer Gemeinden bestellen könnte, selbst wenn ihre Ausbildung den Erfordernissen des Westens angeglichen würde. Ich bedauere diesen Tatbestand, weil ich mir von den geistigen und sittlichen Qualitäten gerade des russischen Typs vieles versprechen würde: diese Rabbiner fassen ihr Amt weniger geistlich-synagogal auf, in dem leicht klerikal gefärbten Sinn; sie würden an der seelischen Auflockerung und Befreiung aus der Erstarrung mitwirken und würden so gleichzeitig den Umfang des jüdischen Lebens erweitern, den Inhalt bereichern und die Vitalität durch Verringerung des unbeweglich Institutionsmäßigen steigern. Große Gemeinden, die eine Vielzahl von Rabbinern haben, sollten ihren Stolz dreinsetzen, eine Thoragröße, die noch am ehesten in den Randstaaten zu finden ist, zu berufen. 266

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