Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Geistliche und geistige Führung
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 265 (sequence 1)
- Language
- German
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Oskar Wolfsberg: Geistliche und geistige Fuhrung Der nachfolgende Beitrag nimmt vom gesetzestreuen Standpunkt aus Stellung zu den Fragen geistiger und geistlicher Erneuerung im deutschen Judentum. Obwohl seine konkreten Vorschläge kaum ohne Widerspruch bleiben werden, wollen wir ihn doch zur Erörterung stellen. Der gegenwärtigen Erschütterung der jüdischen Positionen gehen seit Jahren gewisse Umwälzungen voran, die den wachen Beobachter und Kritiker längst hätten aufmerksam machen sollen. Die geistige und soziale Struktur der jüdischen Gemeinschaft ist überall in der Umbildung begriffen. Wer durch Amt oder inneres Verantwortungsgefühl sich berufen fühlt, an der Umgestaltung tätig mitzuwirken, sei es nun erzieherisch, religiös oder politisch, der muß den Blick für die Wendepunkte schärfen, in denen das Leben entscheidende Wandlungen durchmacht. Während nämlich in Zeitläuften verhältnismäßig langen Bestandes die Sorgfalt der Erhaltung des Niveaus und seiner Hebung dient, tritt in stürmischen Übergangszeiten an die Führer von Gemeinschaften die Aufgabe heran, das Neue zu erkennen, das in der Wandlung sich entfaltet und Gestaltung heischt. Zur Bildung und zum Wissen muß sich hier Intuition gesellen, da neue Konstellationen neue Lösungen erfordern. I. Wer auf die letzten zwei Jahrzehnte, besonders aber auf die Nachkriegszeit zurückblickt, dem kann es unmöglich entgehen, daß die offiziell bestellten Lehrer und Erzieher der Gemeinden, die Rabbiner, einem immer größer werdenden Arbeitsgebiet gegenüberstehen, ganz neuartige Aufgaben zu erfüllen haben. Die ursprünglichen Pflichten des Rabbiners, die auf halachischem Gebiet liegen, seien es die Entscheidungen religionsgesetzlicher Fragen und Angelegenheiten ritueller Natur, seien sie richterlicher Art, sind vielerorts erhalten geblieben, haben sogar an vielen Orten eine Steigerung erfahren. Die Funktionen als Lehrer — gegenüber früheren Perioden in abgewandelter Form — und Prediger stehen schon seit langem in Deutschland im Vordergrund. Die soziale Arbeit, die charitative Tätigkeit sind gegenüber der Vergangenheit stark kompliziert. Dabei erwartet man, daß das geistige Schritthalten nicht unterbleibt und erblickt in der literarischen Produktion ein nobile officium. 265