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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 264

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Gedanken über ein zentrales Synhedrion
Date
1934-09-01
Page
264 (sequence 5)
Language
German
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Max Dienemann: Gedanken über ein zentrales Synhedrion beeinflußt, ja sogar geprägt. Dem aber kann nur landschaftlich und nicht zentral Rechnung getragen werden. Einer der stärksten Widersprüche der neuzeitlichen jüdischen Frömmigkeit im europäisch-amerikanischen Raum zu der alten Form jüdischer Frömmigkeit entsprang endlich daraus, daß die Ordnung jüdischen Lebens von Stellen erfolgte, die zugleich religiöse Behörde und Rechtsbehörde waren. Das war einmal selbstverständlich, als die Totalität der Lebensordnung und Lebensfüh rung selbstverständlich war. Als diese Selbstverständlichkeit auf hörte, empfand man es als dem eigenen Empfinden widersprechend, daß Formen juristischen Denkens und juristischer Interpretation auf das religiöse Leben übertragen wurden. Diese Totalität der Lebensordnung ist an sich, wenn auch keineswegs vorhanden, heute wieder Ideal und Zukunfts wünsch. Aber niemals ertrüge man es, daß juristische Ordnungen und religiöse unter den gleichen Gesichtspunkten geformt würden. Diese Gefahr aber bestünde, und rasch würde das erkannt werden, wenn die gleiche Zentralbehörde für die eine wie für die andere Ordnung legitimiert wäre. Dies zur Erkenntnis der Problematik. Soll das nun heißen, daß das Ganze also unterbleiben muß? Keineswegs. Wie wir ausführten, wäre die Einrichtung eines zentralen jüdischen Bet-Din mit einer Einigung über ihre halachischen Voraussetzungen im höchsten Maße erwünscht, ja notwendig für Palästina selbst. Und selbst wenn die dort begründeten Rechtsordnungen auf die Juden der Welt nicht übertragbar sind, müßte von dem sittlichen Geist, in dem sie begründet werden und der sie trüge, von den Zielen, denen sie zustreben, ein sittlicher Rückhalt für alle Juden ausgehen, und damit würde die Einrichtung eine solche moralische Autorität sein, daß ihr Dasein nicht ohne Wirkung auf die seelische Gesamthaltung der Juden bliebe. Welchen ideellen und praktischen Gebrauch die Juden der Welt von dem Bet-Din hagadol machen werden, steht dahin. Aber in der jüdischen Geschichte sind alle Ordnungen immer nur freiwillig anerkannt worden, und darin bestand ihre innere Stärke und Dauer. Hinter dem Synhedrion in Jerusalem, dem von keiner äußeren Autorität eingesetzten Lehrhaus in Jabne, den Hochschulen in Babylonien stand keine Macht, die ihre Anordnungen durch die Juden in der weiten Welt hätte erzwingen können, und doch besaßen sie Autorität, und die von ihnen ausgehenden Ordnungen sind heute noch ein Element unseres Bestehens. Rabbenu Gerschom in Mainz hatte keinen Büttel hinter sich, und doch ist die von ihm begründete Ordnung Gesetz für die Juden des Abendlandes. Jedes Teilchen einer Ordnung, zu der man sich bekennen, die man anerkennen und übernehmen würde, bedeutete eine Stärkung der Einheit, der gedanklichen und praktischen Geschlossenheit, würde zusammenhaltend und erzieherisch wirken. Das Leben ist immer stärker als alle Problematik. 264

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