Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Trost
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 258 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susmaa die reine Realisierung des göttlichen Trostes, die der Überschwang des Herzens selbst ist, wenn es sich im Lebensganzen findet, aufgenommen in das göttliche Gesetz der Welt, dem es sich mit jedem seiner Schläge öffnet und das es in sich selbst lebendig vollzieht Freude, Gesetzesfreude, wie sie in Davids Tanz vor der Bundeslade überwältigte und überwältigende Gestalt gewinnt, wie sie in Worten nirgends gewaltiger aufbraust als im achtundneunzigsten Psalm: „Jauchzet dem Herrn alle Welt, singet, rühmet und lobet! — Lobet den Herrn mit Harfen, mit Harfen und Psalmen; — Mit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem Herrn, dem Könige! — Das Meer brause und was darinnen ist; der Erdboden und die darauf wohnen- — Die Wasserströme frohlocken, und alle Berge seien fröhlich — Vor dem Herrn; denn er kommt, das Erdreich zu richten. Er wird den Erdboden richten mit Gerechtigkeit und die Völker mit Recht." Dieser Jubel übersteigt alles irdisch Faßbare. Der Gerechtigkeit, dem Gericht selbst, das alles irdische Dasein richtet, jauchzt die Welt entgegen. Weil es gerechtes Gericht, rechtschaffendes Gericht des gerechten Richters ist, darum wirft sich die Welt jubelnd in seine Arme. Diese Worte bedeuten: „Richte mich, vernichte mich, und ich jauchze Dir entgegen." Aber sie bedeuten nicht das kahle „Fiat justitia, pereat mundus"; die Welt soll nicht vergehen vor dieser Gerechtigkeit, sie soll durch sie erlöst werden. Denn sie ist göttliche Schöpfung. Das Gesetz ist ihre Grundlage, wie es ihre Erlösung ist. Darum soll das Meer brausen und der Erdboden, die Wasserströme frohlocken und alle Berge fröhlich sein, weil auch in ihnen der Schlag des göttlichen Herzens zittert, weil Gott auch ihnen das Gesetz unterlegt hat, durch das er alles der Gerechtigkeit, des Gerichts und damit der Erlösung fähig und teilhaft werden lassen will. Das ist die reine Gesetzesfreüde des jüdischen Herzens: Jubel, brausender Jubel über das eigene dunkle Schicksal hinweg in das Licht der göttlichen Wahrheit. Das ist Trost, wie er dem leidendsten Volke, wie er dem leidendsten Menschen, Hiob, geschieht, als auf sein brennendes Ringen um die göttliche Gerechtigkeit Gott selbst im Donner seiner Schöpfung an ihm vorüberzieht. Das Leiden ist zu dieser Stunde nicht gehoben; aber es ist aufgenommen in den Sinn der göttlichen Schöpfung. Die Gewalt dieses göttlichen Trostes ist Wahrheit des Alten Testaments, übergroße, überferne, für uns tausendfach verdeckte Wahrheit. Wir heutigen Menschen leben in einer anderen Welt. Kann dieser Trost auch für uns durch die ganze Wahrheits- und Gesetzeszerstörung der europäischen Welt gegangene Menschen, deren Weltbild schwankt und zu zerrinnen droht, noch Wahrheit 258