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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 257

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Trost
Date
1934-09-01
Page
257 (sequence 5)
Language
German
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Trost mystische Verwandlung; er ist keine der Formen, in denen der Mensch dem Unerträglichen entflieht. Der Trost beläßt den Menschen in seiner Situation. Er ist nicht einmal Verheißung einer Änderung für die Dauer des persönlichen Lebens. Trost ist auch keine Verhüllung, keine Verkleinerung des Leides. Er ist seine Bestätigung, — Bestätigung, Wertung seiner Größe. Aber er ist eben damit Bezeugung einer Gegenwart, durch die es aufgenommen ist. „Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen; aber mit ewiger Liebe will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser." Ohne diesen Trost wäre Israel nicht mehr. Trost ist Leiden im Angesichte Gottes, Gewißheit der göttlichen Gegenwart in dem Augenblick, wo das Leiden in seiner Hochblüte steht. „Ich will euch trösten, wie einen Mann seine Mutter tröstet", — in diesem Wort voll schmerzlicher Süßigkeit gibt Gott seinem Volke die Gewißheit, daß sein Leid aufgenommen ist, daß er nah, ganz nah bei ihm ist und daß er um sein Leiden weiß wie es selbst. Von Menschen weiß niemand in so naher schmerzlicher Tiefe wie die Mutter um das Leiden ihres Kindes, das nicht wäre, wenn sie ihm nicht das Leben auferlegt hätte. Niemand vermag wie sie das Leiden des anderen in das eigene Leben aufzunehmen. Das aber ist Trost. Darin ist die mütterliche Liebe Gleichnis der göttlichen. Aber nur Gleichnis. Der göttliche Trost bedeutet noch etwas anderes als jeder menschliche. „Du Elende, über die alle Wetter gehen, und du Trostlose", spricht Gott durch den Propheten zu seinem Volk, „Siehe, ich will deine Steine wie einen Schmuck legen, und will deinen Grund mit Saphiren legen . . . Du sollst durch Gerechtigkeit bereitet werden, du wirst ferne sein von Gewalt und Unrecht." Gott gibt seinem Volk kein irdisches Versprechen; aber er gibt ihm den überschwänglichen Trost, daß dies sein großes Leid vor Gott sein Schmuck und seine Krone sein soll, weil es um des Rechts und um der Gerechtigkeit willen gelitten ist. Darin Hegt die Übergröße des göttlichen Trostes; er ist die Verheißung, daß das Herz, das Werkzeug aller einigenden Liebe, Sinnbild und Vollstrecker der göttlichen Gerechtigkeit, siegen soll über eine von Kämpfen der Geister und Leiber zerrissene Welt. In diesem Trost nimmt Gott sein Volk selbst an sein Herz, damit das arme gequälte Menschenherz in sich den Schlag des göttlichen Herzehs spüre, der die Gewalt der Liebe und Gerechtigkeit selbst ist Und so geschieht das Wunderbare: das Leid selbst wird zum Trost Und damit braust aus den untersten Tiefen des jüdischen Lebens ein Strom herauf, wie ihn wiederum in solcher Gewalt und Fülle kein anderes Volk der Welt kennt: die Freude. Der Jude kennt als solcher nicht das Glück, die volle Erfüllung des persönlichen Daseins; aber er kennt die Freude, das brausende Überströmen des Herzens in das Ganze des Lebens. Freude, die 257

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