Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Trost
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 259 (sequence 7)
- Language
- German
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Trost sein? Trennt uns nicht von ihm ein Verlorensein an das Viele, ein Zweifeln und Verzweifeln am Einen, das eins ist mit dem Vertrauen auf gort- und menschenfremde Gesetze, das uns Dämonen ausliefert, die das Göttliche verzehren und über das Menschliche hinweggehen? — Nichts ist verändert, nichts an der großen Gesetzlichkeit der Schöpfung, nichts an dem lebendigen Schlag des menschlichen Herzens, das, ob wir es vernehmen oder nicht, im selben ursprünglichen Gleichtakt mit dem göttlichen schlägt. Zu blinden und schwerhörigen Menschen sprachen auch die Propheten, wenn auch die Ausmaße der Blendung und des Getöses in unserer Zeit weit gewaltiger geworden sind. Aber unerreichbar, überschwänglich war die Wahrheit Gottes zu allen Zeiten. Niemals war sie da, niemals wurde sie gefunden im Lande der Lebendigen. Niemals war sie zu ergreifen ohne die Entscheidung des Menschen; immer mußte sie mit allen Kräften des Seins und Tuns aus dem ungeheuren Wirrwarr der Stimmen und Kräfte um uns her herausgerissen werden. Tod und Verdammnis haben von je ihr Gerücht gehört; aber Gott, der allein den Weg zu ihr weiß, hat sie auch für alle Zeiten den Menschen offenbart. Tod und Leben drücken zu allen Zeiten die gleiche göttliche Gesetzlichkeit aus. Der Anruf Gottes an den Menschen ergeht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Schwer und dunkel ist das Geschehen. Nah ist uns allen der Abgrund. Aber ist uns dadurch nicht auch die Wahrheit wieder näher? Verstehen wir heutige Menschen nicht wieder in einem neuen Sinne, was Leben, was Leiden, was Geschichte, was Abgrund, Tod und Verdammnis sind? Niemals war einer Zeit der Sinn alles geschichtlichen Daseins gewaltiger offenbar als der unseren. Glücklichere und dumpfere Zeiten, in denen der Abgrund überdeckt, das Chaos gestaltet, verhüllt, bezwungen ist, rühren nicht so gewaltig an das Geheimnis der Geschichte, haben nicht so deutlich wie wir das Gerücht der lebendigen Wahrheit gehört. Aber damit ist uns auch wieder neu das Herz geöffnet für den göttlichen Trost: „Ich, ich bin euer Tröster. Wer bist du denn, daß du dich vor Menschen fürchtest, die doch sterben." * Im vergangenen Frühling, als alles noch neu und unbegreiflich war, fand die Beerdigung einer Frau statt, die sich in der Verzweiflung das Leben genommen hatte. Der Geistliche sprach über dem Sarge einige kurze warme persönliche Worte. Dann las er Dankpsalmen, Jubelpsalmen, lauter Lobpreisungen Gottes. Damals wurde alles still. Die Häuser, die Bäume hörten auf zu schwanken. Die Gegenstände kehrten in ihr Sein zurück. Die reinen Schöpfungsreihen, die klare Gestalt der Dinge trat ans Licht. Die Ewigkeit hielt alles mit starken Armen fest. Damals war uns der Trost Gottes so nahe, daß sein Gewand uns streifte. 259