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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 256

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Trost
Date
1934-09-01
Page
256 (sequence 4)
Language
German
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Margarete Susman Unterlassen der Erfüllung dieser Forderungen an das menschliche Herz, dem die Einigung alles Lebens anvertraut ist. Denn wohl wissen die Propheten, daß diese schlichten, nichts als menschlichen Forderungen die schwersten aller Forderungen sind. Einfalt ist das Allerschwerste. „Einfältig wandeln mit deinem Gott", ist das größte überschwänglichste Gebot. Die dunkle rätselvolle Geschichte des jüdischen Volkes hat ihre Wurzel in der überschwänglichen Schlichtheit dieser Forderung. Um ihretwillen ist Israel in das Leid gestellt. Die Propheten verkünden dem Volk, daß es auserwählt ist zum Leid. Gott hat es geprüft und immer wieder geprüft, ob die Kraft seines Herzens seiner Sendung gewachsen sei. Darum ist seine Stellung zum Leid anders als die der anderen Völker. Alle Menschen leben im Leid; aber alle haben sie sich Auswege, Waffen, Gestaltungen, Verklärungen dieser Lage geschaffen. Israel allein bleibt wehrlos, gebunden, bis ins Innerste verpflichtet in seinem Leide stehen. Niemals hat es eine Verklärung dieser Lage, einen Ausweg aus ihr angenommen. Es hat sie als die Wahrheit seines Lebens ganz, ohne Abzug und Verwandlung auf sich genommen bis zum Letzten. Denn wohl leiden alle Menschen; Israel aber ist aus erwählt zum Leiden. Das bedeutet eine einzigartige Bejahung des Leides. Eine Bejahung: nicht im Bild, im Gleichnis, im tragischen Spiel, noch auch um der metaphysischen Selbstauflösung willen, sondern eine Bejahung in der gelebten Wirklichkeit des Lebens selbst, ein Aufsichnehmen des Leides. Der Jude, der leidendste Mensch der Welt, ist kein Pessimist. Er verleumdet das Leben nicht um des Leides willen. Die Schwermut: das Verfallen an das Leid und seine Dämonie, ist ihm als die größte Sünde verwehrt. Niemals hätte das schwermütige griechische Wort: „Das Beste wäre, nie geboren zu sein", über eines jüdischen Menschen Lippen kommen können. Denn das Geborenwerden ist die Vorbedingung zur Erlösbarkeit. Durch die Geburt eines Menschen, sein Wandeln durch Leben und Tod, durch Schuld und Leid soll ein Stück der Schöpfung mehr der Verantwortung, des Gerichts und damit der Erlösung teilhaftig werden. Und damit bricht im jüdischen Dasein eine Quelle auf, die in dieser überschwänglichen Fülle und Süßigkeit kein anderes Volk der Welt kennt: Tr os t. Was Trost ist, was er sein kann, erfahren wir nirgends in so reiner Vollendung wie in der Prophetie und in den Psalmen. Auch der Trost wendet sich nicht an den Geist und seine schöpferische Fülle; auch er wendet sich allein an das Herz. Er weiß das Herz im Mittelpunkt zu treffen, obwohl er ihm keinei Hülfe bringt. Trost ist nicht Hülfe. Das Leid wird durch ihn nicht gehoben. Trost ist auch nicht Katharsis, nicht Verzückung, nicht Entrückung, nicht Ekstase, nicht Rausch, nicht Betäubung, nicht 256

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