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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 255

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Trost
Date
1934-09-01
Page
255 (sequence 3)
Language
German
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Trost ihrer nie erfüllten Forderung. Dann erfahren wir die ganze Schwere unserer menschlichen Situation: daß wir, winzige Lebensfünklein, die wir sind, ausgestreut in eine Unendlichkeit des Todes, dennoch vor der Unendlichkeit des Lebens, die über uns hereinbricht, mit allem, was wir sind und tun, uns verantworten müssen. Denn unsere Geschichte wäre nicht Gericht, wenn unser Leben nicht Verantwortung wäre. Aus dieser überschweren Lage des Anspruchs der Unendlichkeit an unser flüchtiges endliches Menschendasein entspringt der Aufschrei Hiobs, millionenmal laut und schweigend von Menschenlippen wiederholt: „Willst Du wider ein fliegendes Blatt so ernstlich sein und einen dürren Halm verfolgen?" Aber Gott ist ernstlich wider das fliegende Blatt. Und daß er ernstlich ist, das bedeutet seine Erwählung. Der Ernst Gottes ist das Siegel unserer menschlichen Existenz. Durch ihn, und nur durch ihn, sind wir von dem fliegenden Blatt unterschieden. Darum haben die Propheten von der Wahrheit Gottes nicht im Rausch des Geistes, nicht in der Beseligung des Schauenden und Erkennenden, sondern widerstrebend, angstvoll, gezwungen und bezwungen, als von etwas Furchtbarem gezeugt. Es gibt kein schwereres Los, als Zeuge der lebendigen Wahrheit zu sein. Was alles haben die Menschen ersonnen, geschaffen, gestaltet, um sich gegen diese Wahrheit, die der Ernst Gottes für den Menschen ist, zu schützen, zu verrammeln, sich die Ohren zu verstopfen gegen ihr übermächtiges Dröhnen! Darum steht am Anfang des Gesetzes das „Höre Israel!" — dieser Aufruf, wie er in der ganzen Menschengeschichte nur dies eine Mal erklungen ist. Denn diesem Aufruf zum Einen gegenüber gibt es kein Schauen und Erkennen, kein Schaffen und Bilden, sondern nur Horchen und Gehorchen. Nicht an den Geist und seine Vielfalt ergeht dieser ungeheure Aufruf zum Einen; — er ergeht an das Herz und seine Einfalt. An das Herz nicht im Sinne des weichen fühlenden Organes, sondern an das gewaltige pochende Mysterium des Menschendaseins, das mit jedem seiner Schläge in seinem winzigen Raum alle Lebensströme sammelt, keinen Tropfen über seinen Rand rinnen läßt und sie alle verwandelt und erneuert wieder aus sich entläßt. An diese ungeheure zentrale Kraft zur Einigung und Erneuerung des gesamten Lebens wendet sich die Wahrheit der Prophetie. Darum entsprechen den übergroßen prophetischen Visionen von der Endzeit — diesen überschwänglichen Bildern von der Einen im Frieden geeinten, gottebenbildlichen Menschheit — als Taten, die zu ihrer Verwirklichung von den Menschen verlangt werden, nicht heroische Kämpfe, gewaltsame Eingriffe, machtvolle schöpferische Umgestaltungen der Welt, sondern ihnen entspricht das Allerschlichteste: die Forderung der Gerechtigkeit, der einfachen menschlichen Güte. Und alle Drohungen göttlicher Strafgerichte, grausamster Verwüstungen und Zerstörungen gelten allein dem 255

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