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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 254

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Trost
Date
1934-09-01
Page
254 (sequence 2)
Language
German
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Margarete Susman den Menschen nicht in klaren, sinnerfüllten, religiösen, sondern in irreligiösen, verirrten, abgefallenen Zeiten, die ihre Wahrheit nicht mehr zu finden wußten. Wenn der Sinn und die Wahrheit verloren gegangen sind, dann erscheint der Prophet. Denn die Wahrheit, die er bringt, reiht sich nicht in die Wahrheiten des menschlichen Erkennens ein; sie ist nicht allgemeine, objektive, abgelöste Wahrheit des Geistes, nicht gedankliches System, nicht metaphysische Schau oder Überschau; — sondern sie ist konkrete geschichtliche Wahrheit, die zu dem bestimmten Menschen dieses geschichtlichen Augenblicks gesprochen, auf ihn und seine Situation lebendig bezogen, und dennoch, eben weil sie Wahrheit ist — nicht über ihn hinweg, aber durch ihn hindurch — von Ewigkeit zu Ewigkeit gesprochen ist. Es ist die Wahrheit, von der es im Buch Hiob heißt: „Sie wird nicht gefunden im Land der Lebendigen." Denn diese Wahrheit ist nicht da, ist nichts Gegebenes, nichts Vorhandenes, nichts, das vom Menschen gefunden werden könnte; sie kann nicht mit den Augen erblickt, nicht mit dem Geiste erschlossen werden; darum muß jede wie immer geartete Geschichtsphilosophie vor ihr versagen. Sondern, so heißt es weiter: „Tod und Verdammnis haben mit ihren Ohren ihr Gerücht gehört. Gott weiß den Weg dazu und kennet ihre Stätte." Der Inbegriff der geschichtlichen Wahrheit ist das unaufhörlich durch alles menschliche Tun und Gestalten hindurchbrechende Gericht Gottes über alles Menschliche. Der Sturm des göttlichen Weltgerichtes, der in der Prophetie durch Israels Geschichte braust, vor dem Länder und mächtige Reiche vergehen wie Staub, dieses ungeheure Gericht einer rein von Gott bedingten Geschichte, ist die Urordnung alles geschichtlichen Daseins überhaupt. Aber Tod und Verdammnis haben nur das Gerücht dieser Wahrheit gehört; Gott allein weiß den Weg zu ihr; von ihm allein kommt ihre Offenbarung. Es ist dieselbe in der Geschichte dunkel und unfaßlich aufbrechende Wahrheit, die in der Sinaioffenbarung für die Menschen vernehmbar aufgefangen ist im göttlichen Gesetz. Diese Wahrheit ist nicht Erkenntnis, sondern Befehl. Nicht daß wir die Worte verstehen, sondern daß wir sie erfüllen, ist ihr Sinn. Und was es bedeutet, sie in Wahrheit zu erfüllen, das erfahren wir wiederum nur in den Augenblicken, in denen der Grund, den wir uns geschaffen hatten, unter unseren Füßen einbricht. Denn dann stürzen wir hinab in die Tiefe unseres eigenen Grundes, in das dunkle Chaos unseres Menschseins, das mit allen unseren Kräften zu lichten und zum reinen Menschentum zu formen, uns durch das Gesetz Gottes aufgegeben ist. Dann beginnen wir, all unsere Begriffe, unser Sein und Tun, das uns in stilleren Zeiten selbstverständlich geworden war, nachzuprüfen; dann erschrecken wir aufs neue wie die Menschen, die zuerst die Offenbarung vernahmen, vor der Übergröße 254

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