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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 253

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Trost
Date
1934-09-01
Page
253 (sequence 1)
Language
German
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Margarete Susman / TfOSt Tröstet tröstet mein Volk!, spridit euer Gott (Jes. 40,1) In der Malerei unseres Jahrhunderts finden sich, bevor sie ganz ins Gegenstandslose verläuft, vielfach Gebäude mit schiefen schwankenden Mauern, ganze Straßenzüge, deren Festigkeit wie von einem geheimen Erdbeben erschüttert scheint; nichts in dieser Architektur scheint mehr festzustehen; die gerade Linie ist wie verfemt; sie scheint dem Gesichtsbild dieser Zeit nicht mehr zu entsprechen. Und wie mancher mag wirklich in den Jahren seit dem Ausbruch des Weltkrieges mit ihren ungeheuren Verschiebungen und Erschütterungen, wenn er durch die Straßen seiner Heimatstadt ging, bis zu visueller Deutlichkeit das Gefühl gehabt haben, als ständen die altvertrauten Häuser und Straßen nicht mehr fest, als löste sich alles um ihn her auf und drohte mit Einsturz. Wir alle wissen: unsere Zeit steht an der Schwelle neuer geschichtlicher Geburten, im Untergang alter Ordnungen. Alles verschiebt sich und drängt zu neuen fremdartigen Lösungen. Vieles, was noch jüngst unmöglich schien, ist wirklich geworden. Wir stehen unter dem unerbittlichen Zwang der Stunde. Neues und Entscheidendes wird von uns gefordert. Schwere, verwirrende Probleme tauchen herauf und verlangen eine Lösung. Die Perspektiven ändern sich; der Boden scheint unter unseren Füßen zu weichen; das geistige Firmament über unseren Häuptern verschiebt sich; die Gestirne rücken im Wandel der Weltstunde an einen anderen Ort. So erfahren wir heutigen Menschen in einem Ausmaß, wie es die Zeiten, die hinter uns liegen, nicht kannten, was Geschichte ist. Denn das ist in letzter Tiefe nur zu erfahren um den Preis aller menschgeschaffenen Sicherungen, die immer die Grundwahrheit des geschichtlichen Daseins verhüllen. Wirkliche Geschichte tritt nur über die Schwelle unseres Lebens in den Augenblicken, wo alle menschlichen Wahrheiten und Gewißheiten, alle rein gedanklich festgelegten Werte, alle allgemeingültigen, objektiven Systeme des Geistes zerfallen. Denn dann erst offenbart sich, daß die Geschichte zwar von Menschen gemacht wird, aber sich nicht im Menschlichen erschöpft, daß in ihr eine Gesetzlichkeit sich auswirkt, die vom Menschen mit ungeheurer Wucht erfahren wird, aber seinem Erkennen nicht erfaßbar ist. Es ist die Wahrheit dieser Erfahrung, die die Prophetie den Menschen offenbart. Darum kamen die Propheten, die größten Geschichtskünder und Deuter aller Zeiten, zu 253

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