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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 249

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Religion heute?
Date
1934-09-01
Page
249 (sequence 5)
Language
German
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Religion heute? Taktes, in welcher er „ein böses Symptom des heutigen Christentums" sieht. Man verstattete nur dem Propheten, dem religiösen Heros, aber nicht dem gewöhnlichen Christen schroffes unversöhnliches Auftreten, das Andersdenkende abstoßen konnte. Die westeuropäische Judenheit ist aus dieser „phraseologischen Kultur" bis heute noch nicht herausgetreten, weil sie nicht weiß, was sie an ihre Stelle setzen soll. Wohl wurde der Ruf zur Rückkehr aus dem Lager der Orthodoxie Frankfurter Prägung lauter und lauter; aber er mußte völlig wirkungslos an den deutschen Juden abprallen. Warum fanden die Gesetzes treuen, die glaubten und darin bestärkt wurden, daß ihre Zeit gekommen sei, keinen Widerhall? Lag es an der traditionellen Harthörigkeit des Unglaubens, an der Oberflächlichkeit, Bequemlichkeit und hochmütigen Unbelehrbarkeit des aktiv-rationalen Judentyps der Zeit, an seiner Unwissenheit, der Herzensverhärtung der Führer oder Geführten? Oder lag es an dieser Orthodoxie selbst, ihren unvollziehbaren unzeitgemäßen Forderungen? Oder etwa an dem Nichtzwingenden und Nichtbezwingenden der Argumente, vielleicht an dem Endzustand ihrer Lehre, die unter dem Grundsatz „Tora im Derech Erez" (d. h. Gesetzestreue und Weltoffenheit) trotz dem alten gleichen Wortlaut und dem gleichen äußeren Tun ohne die Möglichkeit jüdischer Vollkultur ihren Ursinn und damit ihren Lebensodem einbüßte. II. Warum verneinen wir die Frage, ob heute wirklich bei uns der Boden für eine Rückkehr zur Religion der Väter in der Gestalt der beispielhaften Schule von S. R. Hirsch vorbereitet ist? Nach dieser Lehre hat unser Verhalten bedingungs- und vorbehaltlos nur eine Quelle: die Heilige Schrift, in der die Vorschriften der mündlichen Lehre, das Filigrannetz einer systematischen Pflichtenlehre und Lebensordnung, in geheimnisvoller Weise unsichtbar eingezeichnet sind. Die Tora, einfach das von Gott diktierte geltende Gesetz der jüdischen Nation, das genaue Gegenteil eines persönlichen Erlebnisses. Die Erkenntnis Gottes und was wir tun sollen und zu unterlassen haben, ist aus der schriftlichen und mündlichen Lehre zu schöpfen. Die göttliche Lehre ist der Inbegriff der Forderungen Gottes an sein Volk. „Nicht an der Vernunft messen wir das Wort Gottes in der Schrift, sondern am Wort Gottes in der Weg zu dieser Art von Judentum ist in neuester Zeit von Isaac Breuer in dem 450 Seiten starken Gesprächsbuch „Der neue Kusari" in authentischer Form neu gewiesen worden. Scholem hat recht mit seiner Kritik: „Wenige Losungen geschichtlichen Formats sind mit so furchtbarer Drastik ad absurdum geführt worden, wenige muten heute so chimärisch an wie diese." Es 249

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