Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Religion heute?
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 248 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895533-2904228--07356-2904285- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ludwig Feuchtwanger die Orgel die adäquate Begleitung ist, nichts anderes als die allgemein verbreitete Beharrlichkeit und Trägheit der sinnlichen Stufe in der Entwicklung des Bewußtseins. Die „Bekehrung", die Rückkehr, die Teschuwah ist nach dieser idealistischen Auffassung „der Aufstieg der sinnlichen Weltansicht zur Höhe des Kantischen Denkens". Kein Zug mehr aus dem altjüdischen Erbe, für das „Sünde" das Nichthalten der Gebote, die Vernachlässigung der Pflichtenlehre, und Teschuwah die reuige Rückkehr zu ihr ist. Die „idealistische Erneuerung", das ist „die Einkehr in uns selbst"; das „Böse" ist der Ungehorsam gegen das Gebot des Wohlwollens und der Menschlichkeit, ohne daß man sich „zersetzend" mit der Frage quält, welcher Wirklichkeitsbestand denn mit der „reinen Liebe" oder der „Humanität" und ihren Geboten gemeint sei. Wir befinden uns mit dieser Analyse mitten in der Epoche der „phraseologischen Kultur" mit ihrer taktvollen wohltemperierten Religiosität. „Denken und Fühlen bestand in der Epoche der Phrase aus der spontanen, vorbewußten Bemühung, sich einem generellen Denken und Fühlen anzugleichen, das für gesollt galt" (Jose Ortega y Gasset). Es gab freilich schon vor der Jahrhundertwende und um 1900 eindringliche Warner. Sie verhallten bei Juden und Christen ungehört. Der junge Schweizer Theologe WalterNigg hat vor wenigen Jahren (1931) in einem Werk, dem in einem Zeitalter des endlosen gleichgültigen Büchermachens die Auszeichnung des Verschollenbleibens zuteil wurde und wegen dessen »Gerechtigkeit« man an unserer Zeit nicht verzweifelt, die Gestalt Franz Overbecks, des tapferen und treuen Torhüters, heraufbeschworen, „als eines der instruktivsten Beispiele für die Folgen des Zustands, in welchem das Christentum zur bloßen Titulatur und selbstverständlichen Bezeichnung herabgesunken ist". „Dadurch war es ihm möglich, inmitten der Christenheit ... in der christlichen Religion erzogen zu werden, sich dem speziellen Studium derselben zuzuwenden, dann Kandidat der Theologie und schließlich sogar Lehrer des Christentums für angehende Verkündiger desselben zu werden, ohne je einmal in nähere Berührung mit der Frage zu kommen, ob es ihm im eigenen Leben möglich sei, selbst ein Christ zu werden!" Und der bedeutende verstorbene Berliner Kirchenhistoriker Karl Holl wandte sich schon im Jahr 1900 in einer bemerkenswerten Abhandlung in der „Christlichen Welt" (jetzt wieder abgedruckt in Holls „Gesammelten Aufsätzen zur Kirchengeschichte", Bd. III, 1928) gegen die damalige allgemeine Forderung an den „religiös Gebildeten", daß er die Anschauungen Andersdenkender schone, daß er fühle, wo andere verletzt werden könnten, daß er darum in der religiösen Aussprache sich Zurückhaltung auferlege, den Gegensatz nicht herauskehre und aliein das allgemein Religiöse, das Positive, das „Erbauliche" betone. Der Aufsatz ist überschrieben: „Über den Takt in der Religion" und warnt vor dieser Haltung des 248