Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Religion heute?
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 247 (sequence 3)
- Language
- German
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Religion heute? Von einer Übersteigerung des rational-aktiven Persönlichkeitsgedankens oder noch deutlicher von der Unbelehrbarkeit und dem Hochmut des „ichgebundenen Unglaubens", über den geschrieben ist „Eritis sicut deus" (Genesis 3, 5), empfinden wir unsere Position am weitesten entfernt- Die hier zu lösende Aufgabe ist, die religiöse Disposition im heutigen Judentum zu prüfen. Wir machen uns diese Prüfungspflicht nicht dadurch leicht, daß wir an tausenderlei Symptomen eine gesteigerte „R e 1 i g i o s i t ä t" feststellen. Wir würden uns, wenn wir so vorgingen, unbemerkt in dem alten Fahrwasser des religiösen Idealismus befinden mit seiner „Religion der Gebildeten", die die Juden des 19. Jahrhunderts für ihre alten Bindungen eintauschten. Unter den Hauptideen dieses „Idealismus" nimmt die der „Individualität" eine besondere charakteristische Stelle ein: Jeder Mensch trägt sein individuelles Gesetz in sich selbst; die Aufgabe des Menschen ist die Ausbildung seiner Persönlichkeit. Mit Haut und Haar hatte sich das Judentum diesem Ideal verschrieben, unter dessen absoluter Herrschaft die Judenheit ihre alten Gesetze und Bräuche „verinnerlichte", in Wahrheit ihre ureigene geschlossene unverbrüchliche Seinsform, die gebieterisch jedes Tun bestimmte, für die „Religiosität", das gelegentliche fromme pietätvolle Gefühl drangab. Eine Verstärkung dieses gehobenen Ichgefühls, die vermehrte Bereitschaft zum religiösen Erlebnis als Abrundung der harmonischen Persönlichkeit infolge der gegenwärtigen deutsch-jüdischen Situation, schätzen wir nicht als einen Schritt der Rückkehr zum Judentum, sondern als Rückfall in eine Verfallsepoche ein. Es lohnt sich bei der Disposition zu solcher Religiosität in unserer Zeit zur Vermeidung von Mißverständnissen und Enttäuschungen noch kurz zu verweilen. Es handelt sich um die unter uns bis heute grassierende romantische Abart echter Mystik, eine Art ästhetischer Kulturmystik. Die „Religion" wird vom Denken und Wollen losgelöst. Sie ist weder Erkenntnis noch Moral und steht mit diesen beiden Funktionen in keinem ursächlichen Zusammenhang. Sie ist nur Gefühl und Anschauung, ohne Verpflichtung und ohne Fürwahrhalten. So wird begreiflich, daß diese „Religion des Herzens" die Religion des aktiven, tüchtigen, zielstrebigen Ich-Menschen des 19. Jahrhunderts wurde, die gerade ganz besonders dem deutschen Juden lag, der es zu etwas gebracht hat und der vor allem das Eine strikte ablehnte: das jüdische Leben in seiner Ganzheit wiederherzustellen. Auch „Gott", „Sünde", „Rückkehr" sind für den gebildeten Religiösen dieser Stufe keineswegs verschwunden; aber sie haben sich in der Religion, die nur mehr passives Verhalten, feierliche Stimmung ist, verwandelt: von der Existenz der „Sünde" etwa und ihrer allgemeinen Verbreitung ist man wohl durchdrungen; aber „Sünde" ist für diese idealistische Religionsauffassung, zu der 247