Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Religion heute?
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 246 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Feuchtwanger für die Lösung des (katholischen) Katechismusproblems zu erhalten; zu dem Zweck wurden die Katechumenen selbst systematisch um ihre Einstellung zum religiösen Bildungsbuche befragt. In dem Fragebogen an Erwachsene hieß es z.B.: „Haben Sie nach Ihrer Schulentlassung wieder für sich einen Katechismus in die Hand genommen und gelesen?" Eine andere Frage lautete: „Glauben Sie, daß die Religionswahrheiten auswendig gelernt werden müssen, damit wir unseren Glauben kennen und leben?" Es ist im Folgenden nicht beabsichtigt, Ergebnisse oder Wege derartiger religionskundlicher Forschungen auf jüdischem Gebiet zu beschreiben. Damit aber, ohne die Vorarbeiten und Sicherungen von Fragebogen, Tab eilen werken und anderen statistischen Versuchsanordnungen zur Exploration der Gläubigkeit einer Bevölkerungsgruppe, subjektive, bekenntnismäßige oder gar literarische und willkürliche Urteile über die hier zu prüfende religiöse Disposition des heutigen deutschen Juden ausgeschaltet oder zum mindesten als solche leicht kenntlich gemacht seien, muß unserer Ausdrucksweise, in erster Linie den Vokabeln „Religion" und „religiös", der größte Grad der Eindeutigkeit und Inhaltsbestimmtheit ohne jede homiletische Konzession gegeben werden. „Religion heute?", „der Weg des modernen Menschen zu Gott", vor allem die Frage nach der religiösen Bereitschaft des Juden im Deutschland von 1933/34, der sich am Ende einer unwahrscheinlich abenteuerlichen Entwicklung als ohne sein Zutun unabänderlich so geworden vorfindet, — alle diese Fragen können ohne Erregung und Beklommenheit unvoreingenommen und abgewogen nur dann erörtert werden, wenn dem Beantworter der höchste Grad rückhaltloser Offenheit, die ihn doppelt und dreifach zur verschärften Wachsamkeit über jede eigene Äußerung verpflichtet, eingeräumt und auferlegt ist. Ist es nicht so, daß der Blinde von der Farbe spricht, wenn der „moderne Mensch", der „moderne", der „neue" westliche Jude, also der bindungslose, von Gott und Religionsgesetz gelöste heutige Durchschnittsjude, über Religion urteilt? Reicht seine westöstliche Bildung, selbst wenn sie sich zu einer innigen fachlichen und überfachlichen Vertrautheit mit dem Wissensgut des Ostens und Westens erweitert hat, zu einer Legitimation, hier mitzusprechen, aus? Oder hat er nicht vielmehr seinen Anspruch darauf verwirkt gerade durch seinen „Abfall", eben weil er nicht zum „Am-haarez" gehört, praktisches Chasiduth kennen gelernt hat oder sogar darin aufgewachsen ist? Es bleibt dabei: die „religiösen" Äußerungen des „Aufgeklärten" müssen sich ihre Autorität und Gültigkeit immer von neuem ohne fremde Hilfe schaffen, durch die Stärke ihrer nicht für die Stunde und nicht für die, die Ruhe und Sicherheit vorziehen, bestimmten Argumente. „Die Großen sind nicht die Weisesten, und die Alten verstehen nicht das Recht" (Hiob 32, 9). 246