Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Struktur und Bedeutung der jüdischen Erziehungsfürsorge
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 233 (sequence 4)
- Language
- German
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Struktur und Bedeutung der jüdischen Erziehungsfärsorge jüdischen Taubstummenfürsorge (1873). In den achtziger Jahren des 19. Jh. setzt dann deutlich ein Neuauf stieg des jüdischen Geistes ein. Er schafft sich seinen Ausdruck in einem immer weitere Kreise erfassenden Gemeinschaftserlebnis, das zu seiner Bewährung nach sozialen Aufgaben suchte. Auf dem Gebiet der Erziehungsfürsorge verkörpert sich der neue Geist in Berta Pappenheim, deren Wirksamkeit zur Entfaltung einer neuen jüdischen Pädagogik beigetragen hat Der geistige Umschwung äußert sich vor allem darin, daß nun nicht mehr wie früher Zweckverbände Träger der Erziehungsfürsorge sind, sondern jüdische Gesinnungsgemeinschaften, denen die Aufgabe lediglich das Mittel zur Betätigung der Verbundenheit ist. Der erste derartige für die Erziehungsfürsorge produktiv werdende Zusammenschluß war der Orden Bne Briss und der Schwesternverband der U. 0. B. B.-Logen. Aus jüdischem Gemeinschaftsbewußtsein wirkte auch der Frauenbund. Allerdings war er für konkrete Aufgaben geschaffen worden; die gemeinsame Arbeit führte aber bald zur Einsicht in die innere Verbundenheit, die von nun an in den sachlichen, aus den Zeitumständen sich ergebenden Aufgaben sichtbar gemacht werden sollte. Den umgekehrten Weg wie der Frauenbund, einen ähnlichen wie die Logen, nämlich von der Idee zur Wirklichkeit machte die jüdische Jugendbewegung, die dritte Gruppe, die aus Gemeinschaftsbewußtsein zum Träger der Erziehungsfürsorge wurde. Bei den Frauen und bei der Jugend hat, soweit sie sich in der Erziehungsfürsorge betätigten, die Bundesidee über die Weltanschauungskämpfe gesiegt Zunächst entstand die Erziehungsfürsorge mehr aus privater Initiative; die Beziehung zu den Gemeinden und der Gemeinden zu ihr war zuweilen feindselig und gespannt, meist gleichgültig und wirkungslos. Langsam drangen die Vertreter der Logen, der Frauen und der Jugend in die Gemeindeparlamente ein, und, gefördert durch Kriegs- und Inflationswirkungen, ruht gegenwärtig der soziologische Schwerpunkt der Erziehungsfürsorge beider Gemeinde. Historisch gesehen waren auffallend selten konkrete Fälle von Kindernot und Verwahrlosung Motiv der Erziehungsfürsorge. Es liegen zwar auch solche Schilderungen aus allen Gegenden des Reiches vor; die jüdische Öffentlichkeit wußte jedoch kaum etwas davon. Viel stärker machen sich geschichtliche Ereignisse und geistesgeschichtliche Strömungen als Motiv der Erziehungsfürsorge geltend. Epochemachend wurden vor allem die Emanzipation, der Antisemitismus der achtziger Jahre und der Weltkrieg. Überwältigend war in der Emanzipation der geistige Elan, mit welchem sich die junge Generation der Erziehungsfürsorge, vor allem den Berufsumschichtungsbestrebungen zuwandte, die schließlich damals doch nicht zur Entfaltung kamen. Der Weltkrieg rüttelte schon äußerlich an dem im Laufe der Zeit herangewachsenen stolzen Bau; in der Nachkriegszeit waren Betriebseinschränkungen, Umstellungen, Vereinigung verschiedener Anstalten, Auflösungen unter dem Schlagwort Rationalisierung und Planwirtschaft an der Tagesordnung. Vor allem verfielen diejenigen Einrichtungen dem Untergang, die nicht von Gruppen bewußt jüdischer Menschen 233